Der Zaungast – Zwischen Größenwahn und Verzweiflung

Der Zaungast Titel

Es hätte so ein schöner Nachmittag auf der heimischen Terrasse werden können. Mit Sonne und Kaffee. Wenn da nicht der Besuch unserer Nachbarn wäre.

Ein älteres Pärchen hat die rüstigen Rentner von nebenan aufgesucht und einen dauerkläffenden Yorkshire Terrier im Gepäck. Ich mag diese bildhübschen, kleinen Fellknäuel wirklich. Die sind tapfer und intelligent. Aber ich mag sie nur, wenn sie auch wissen, dass sie Hunde sind.

Dieses Exemplar hält sich für einen 2 Meter großen Gerüstbauer und tritt entsprechend selbstbewusst auf. Eigentlich ist mein hyperaktiver, durchgeknallter Hund genau der richtige Spielgefährte für Prinz Irrsinn, aber selbst Horton steht verwundert am Gartenzaun und sieht fast regungslos zu, wie der Zwerg – hysterisch hin und her rennend – eine Furche vor den Zaun fräst.

Dem Terriergefolge ist der Auftritt seiner Majestät sichtlich unangenehm und man versucht nun den Monarchen zu besänftigen. Mit geflüstertem “Psst”, gehauchten “Schhhhhh” und gebetsmühlenartig wiederholtem “Nein” verfolgen vier vorgebeugte Menschen einen kleinen Berserker im Fellmantel. Es sieht aus, als würden vier Orks einen Hobbit jagen. Erfolglos. Der Besitzer ruft noch betont laut über den Zaun: “Paulchen, was ist denn nur heute mit dir los?”, merkt aber schnell selbst, dass das keiner glaubt.

Ich lehne mich zufrieden – ja fast ein wenig stolz – zurück und beobachte die verrückte Show. Wann sitzt man schon mal in der ersten Reihe? Mein Hund, der jetzt üblicherweise jauchzend und kreischend Purzelbäume entlang des Zaunes schlagen würde, kommt mit fragendem Gesichtsausdruck auf die Terrasse und setzt sich schweigend neben mir auf seinen Logenplatz. Ich bemerke den neidischen Blick der anderen Hundehalter und genieße für einen kurzen Moment den Ruhm eines Hundeprofis. Da ich selten genug in diesen Genuss komme, unterstütze ich die Situation auch noch gleich mit einem überheblichen Lächeln und verschränkten Armen. Der Yorkshire Terrier behauptet sich weiter souverän im Spiel “Vier gegen Eins”.

Der Adjudant des Terriers steht jetzt am Zaun und winkt mich zu sich heran. Auf dem Weg zu den Friedensverhandlungen werde ich von meinem Hund begleitet, der konsequent weiter so tut, als sei er ausgeglichen und gut erzogen. Durchgedrehte Yorkies haben offensichtlich eine erstaunlich positive Wirkung auf Horton. Terry macht weiterhin unverdrossen so viel Getöse, dass ich sein Herrchen kaum verstehen kann. Eigentlich auch besser so, wie sich gleich herausstellt.

Paulchen

“Könnten Sie ihren Hund vielleicht so lange in das Haus nehmen, wie wir hier Kaffee trinken?”, fragt der ältere Herr höflich, aber mit hilflosem Gesichtsausdruck, “Sie sehen ja, wie sehr das unseren Liebling aufregt!”.

Ich fange unweigerlich an zu lachen und der ältere Herr lacht jetzt mit mir. Ich lache, er lacht zurück und plötzlich merke ich, dass er das ernst meint. Um die Sache eindeutig zu klären frage ich besser noch mal nach.

“Ich soll also meinen Hund, auf meinem Grundstück, in mein Haus sperren, damit Sie draußen in Ruhe Kaffee trinken können?”

“Ja, das wäre wirklich nett.”, entgegnet er erleichtert, wobei sich der knurrende Yorkie abwechselnd in sein Hosenbein und den Gartenzaun verbeißt.

“Ich mache Ihnen einen Gegenvorschlag.”, antworte ich lächelnd, “Erziehen Sie doch einfach Ihren Hund!”

Männergespräche sind ein Eckpfeiler der modernen Demokratie und funktionieren absolut zuverlässig, bis sich eine Frau dazugesellt.

“Was erlauben Sie sich eigentlich?”, keift die Zofe des Terriers über den Zaun. “So eine Unverschämtheit. Paulchen ist sehr gut erzogen. Das müssen wir uns von Ihnen nicht bieten lassen!”

Mein Nachbar ist um Deeskalation bemüht, wird aber von Paulchen sehr schroff vom Zaun verscheucht. Um die Situation zu retten, ergreife ich die Flucht nach vorn. Mit einem beherzten Griff über den Zaun schnappe ich mir den Raufbold und nehme ihn auf den Arm, wodurch sein Kläffen sofort verstummt. Seine Besitzer starren mich ungläubig an.

“Ich glaube Sie haben Recht.”, sage ich zu Terrys Frauchen, “Paulchen ist ein ganz toller Hund, wenn man ihm die Gelegenheit dazu lässt.” Ihr verschämter Blick verrät mir, dass sie die Botschaft verstanden hat. Ob Paulchen mich verstanden hat, weiß ich nicht, aber er leckt jetzt sehr freundlich mein Gesicht.

Mein eigener Hund hat diese wunderschöne Metapher natürlich nicht kapiert und hält das ganze für ein Signal zum Rollentausch. Um an seinen neuen – und inzwischen – ruhigen Kumpel auf meinem Arm zu gelangen, springt er monoton kläffend an mir hoch. Er kann es kaum erwarten den armen kleinen Kerl mit seinen penetranten Spielaufforderungen in den Wahnsinn zu treiben.

Eine Sache habe ich an diesem Sonntag gelernt: Ihre Größe tragen Hunde im Inneren!

 

Ein Gastbeitrag von Axel Löwenstein

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