Gibt es bald ein neues Hundegesetz?

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Immer mehr Anzeigen gegen Hundehalter

„Hilfe! Neiiiiiiiin!“ Zwei Schäferhunde stürmen aus dem Haus, als sie gerade mit ihrem kleinen Yorkshire Terrier daran vorbei geht. Es geht alles so schnell: Die Tiere sind aggressiv, als hätte man einen Schalter umgelegt stürzen sie sich wie von Sinnen auf den kleinen Hund. Sie versucht einen der Schäferhunde noch abzuwehren. Der beißt ihr in die Hand. Bis die Besitzer der Schäferhunde Kontrolle über die Situation erlangen, ist es zu spät. Auch die rasche Fahrt in die nächste Tierklinik kann den Terrier nicht mehr retten.

Der größte Feind des Hundehalters ist… Na? Genau! Der andere Hundehalter. „Immer mehr Hundehalter erstatten Anzeige gegen andere Halter“, weiß Tieranwältin Susan Beaucamp. Vor allem in Deutschlands größtem Bundesland Nordrhein-Westfalen ist die Angst vor ordnungsrechtlichen Repressalien groß.

Und zwar mit Recht: „Wenn der eigene Hund in einem Beißvorfall verwickelt wird, und sei es nur, weil er sich gewehrt hat, dann kann das negative Konsequenzen haben und zu Maulkorb-und Leinenzwang, sowie zu einem Wesenstest führen“, so Beaucamp weiter. Allerdings seien die Maßnahmen der Behörden, nach dem Landeshundegesetz NRW beispielsweise einen „lebenslangen“ Leinenzwang zu verordnen, kontraproduktiv. „Nach seriösen Studien führt das eher zu einer Zunahme der Aggressionen und verhindern eine tierschutzgerechte Haltung der betroffenen Hunde.“

Bislang hält der Gesetzgeber trotzdem daran fest.

Hürden für Hundehaltung erhöhen

Das will die Tierschutzorganisation PETA jetzt ändern. Sie will die Hürden für die Hundehaltung deutlich erhöhen.

Ungefähr 6, 2 Millionen Hunde leben in deutschen Haushalten. Der Trend zur Mehrhundehaltung setzt sich sich Jahren fort.

Husky fletscht Zaehne

Zwischen 30.000 und 50.000 Beißvorfälle

Laut einer Statistik gab es bundesweit im Jahr 2015 zwischen 30.000 und 50.000 Beißvorfälle. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

„Derzeit gilt in fast allen Bundesländern noch das sogenannte Rasselistensystem, das völlig willkürlich sogenannte „Kampfhunderassen“ auflistet, für die dann besondere Bestimmungen wie Maulkorb- oder Leinenzwang gelten“, erklärt Dörte Röhl von PETA Deutschland. „Erwiesenermaßen ist dieses System jedoch völlig wirkungslos. Prinzipiell gilt: Jeder Hund kann durch falsche Haltung oder Erziehung aggressiv werden. Die Ursache für aggressives Verhalten ist beim Halter zu suchen. Die meisten Gefahrensituationen lassen sich von Anfang an vermeiden, wenn der Tierhalter kompetent ist und den Hund souverän zu leiten weiß.“

Hund mit Maulkorb

PETA: „Jeder Hund kann aggressiv werden“

Obwohl das gewaltfreie Training mit dem Hund seit Jahren von vielen Hundeschulen propagiert wird, arbeitet ein Großteil der Hundetrainer bis Heute nach dem Motto „Der Hund muss dominiert werden“. Die Vierbeiner werden auf Hundeplätzen angeschrien, auf den Rücken gelegt und „unterworfen“, in den Nacken gefasst und auf den Boden gedrückt.

Zuhause setzt sich die Gewaltspirale fort.

Wenn Aggressionen schließlich zu Gegenaggressionen seitens des Hundes führen, ist guter Rat teuer.

„Um das zu ändern, sollte der Besuch einer im Bereich „hundlichen Kommunikation“ besonders qualifizierten Hundeschule zum Pflichtfach für Hundehalter werden“, fordert auch Anwältin Susan Beaucamp.

Hundeerziehung

Niedersachsen: Hundeführerschein hat sich bewährt

Das Land Niedersachsen hat als erstes deutsches Bundesland vor zwei Jahren den Hundeführerschein eingeführt. Wenn auch nur für Ersthundehalter.

Seit Juli 2013 müssen sich zukünftige Hundebesitzer noch vor der Aufnahme eines Hundes eingehend über Haltung und Wesen des Tieres informieren.

Der Hundeführerschein vermittelt Fachwissen über Sozialverhalten und Kommunikation. Durch hundgerechten Umgang soll Beißvorfällen vorgebeugt werden.

Um das zu erreichen, gibt es eine theoretische und eine praktische Prüfung. Die Hundetrainer Jörg Ziemer und Kristina Falke sind in Niedersachsen tätig und haben ein Buch über den Hundeführerschein geschrieben.

„Die praktische Prüfung dauert ungefähr eine Stunde“, erzählt Autorin und Hundetrainerin Kristina Falke, „sie findet an zwei unterschiedlichen Orten statt – auf einem sicheren, eingezäunten Gelände und in der Öffentlichkeit.“ Auf dem Hundeplatz werden Übungen abgefragt, die dem „normalen“ Alltagstraining entsprechen: Sitz, Platz, Leinenführigkeit oder auch der sichere Rückruf. „Hierbei geht es dem Prüfer jedoch nicht um das schnelle perfekte Sitz, sondern eher auch die Beobachtung, wie der Hundehalter mit seinem Hund umgeht, bzw. was er tut, wenn er seinem Hund „Sitz“ sagt, aber dieser es nicht umsetzt.“ Im zweiten Teil geht es ebenfalls nicht um Kadavergehorsam, sondern um die Frage, ob sich der Hundehalter seinen Mitmenschen gegenüber zu benehmen weiß. „Anspringende Hunde an ausgefahrenen Leinen mitten in der Innenstadt oder nahe der Straße sind ein No-Go.“

Mit der Pflichtprüfung kommt Arbeit auf den Hundehalter zu – und das ist gewollt. Schließlich sollen nicht zuletzt auch Spontankäufe verhindert werden.

Studie belegt: Hundeführerschein sinnvoll

Laut einer Studie der Uni München am Lehrstuhl für Tierschutz, Verhaltenskunde, Tierhygiene und Tierhaltung zeigte, kommt es „bei den Kursteilnehmern des Hundeführerscheins zu einer signifikanten Verbesserung des Wissens und zu einer deutlichen Zunahme des gefahrenvermeidenden Verhaltens“.

Werden andere Bundesländer folgen?

Nordrhein-Westfalen beispielsweise sieht dennoch keinen Handlungsbedarf. Wilhelm Deitermann vom Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz:
„Fraktionsübergreifend bestand Einigkeit, dass nach wie vor kein Änderungsbedarf des Landeshundegesetzes NRW bestehe. An diesem Sachstand hat sich seither nichts geändert. Die Regelungen des Landeshundegesetzes NRW sehen vor, dass Halter von gefährlichen Hunden, von Hunden bestimmter Rassen und von großen Hunden ihre Sachkunde gegenüber dem Ordnungsamt nachzuweisen haben. Insofern ist ein Hundeführerschein nach dem Vorbild Niedersachsens derzeit kein Thema bzw. Gegenstand politischer Diskussionen in NRW.“

78.000 Hunde landen jährlich im Tierheim

Für PETA Deutschland ist das nicht nachvollziehbar: „Der Hundeführerschein ermöglicht ein reibungsloseres Zusammenleben von Mensch und Tier und hilft dabei, Hunden ein Schicksal im Tierheim zu ersparen. Denn jedes Jahr landen rund 78.000 Hunde in deutschen Tierheimen. Es ist uns daher gänzlich unerklärlich, warum das Land NRW hier keinen Handlungsbedarf sieht.“

Die Tierschutzorganisation ist sich sicher, dass der Hundeführerschein früher oder später in ganz Deutschland zur Pflicht wird: „„Wir werden uns nach den jüngsten Beißvorfällen in NRW nochmals mit Nachdruck an das zuständige Umweltministerium mit der Forderung nach einem Hundeführerschein wenden.“

Hund verhaftet

mugshot dog holding a black banner or placard

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Kommentare

  1. Der Terrier lebt noch. Wohnt 2straßen weiter. Wasn scheiß. Und die Schäferhunde sind keine Bestien oder so.

  2. Ich komme aus Niedersachsen, bin Ersthundehalterin und musste den Hundeführerschein ablegen.
    Im Vorfeld der theoretischen Prüfung habe ich ohne Ende gebüffelt (anhand von mehreren Büchern und Online-Tests). Und wofür? Die Fragen sind so simpel, dass man sie mit minimalistischem Hundewissen und gesundem Menschenverstand ohne Probleme beantworten kann. Zudem gibt es so viele Abnehmer der Prüfung, dass man durch ein paar Kontakte ohne Probleme „schummeln“ kann. In meinem Fall legte ich die praktische Prüfung unter Aufsicht einer Tierarzthelferin ab, in einer Praxis, in der von zwei Tierärzten(!) nur einer berechtigt war, die Prüfung abzunehmen.
    Und bei der praktischen Prüfung? Nun, diese muss innerhalb eines Jahres nach Anschaffung des Hundes abgelegt werden. Genug Zeit, um sich mit einem gut ausgebildeten Hund aus dem Bekanntenkreis bekannt zu machen und diesen auszuleihen. Denn die praktische Prüfung muss nicht mit dem eigenen Hund abgelegt werden. MMn verfehlt der Hundeführerschein somit seine (in der Theorie durchaus sehr gute) Wirkung. Mein eigener Hund kann ein Rüpel ohne gleichen sein, den ich nur mit Stachler, Endloswürger oder Teletakt unter Kontrolle kriege und trotzdem bestehe ich mit Nachbars Fiffi die Prüfung problemlos.
    Ich halte es ebenfalls für sinnlos, dass nur Ersthundehalter den Hundeführerschein ablegen müssen. Denn meiner Erfahrung nach sind diese Halter oft diejenigen, die sich eher informieren und eher auf „neue“ (sprich positive) Trainingsmethoden stoßen. Die alteingesessenen Schäferhundhalter, die ihre Tiere seit 30 Jahren mit Stachel auf dem Hundeplatz traktieren (hallo liebes Klischee!) sind nicht vom Hundeführerschein betroffen.
    Der nächste Punkt: Wir haben den Hundeführerschein nun seit fast 2 Jahren. Wir sind viel innerhalb unserer Heimatstadt (Großstadt) und auch in sehr vielen anderen Orten in Niedersachsen unterwegs. Wir wurden bisher noch nie kontrolliert, sprich nach der Steuermarke am Hund gefragt. Deswegen kann ich nicht beurteilen, ob bei so einer Kontrolle nach dem Hundeführerschein gefragt wird. Wenn ja: Wie wird überprüft, dass dieser Hundehalter überhaupt einen ablegen musste? Wie wird überprüft, ob dieser Hundehalter das auch getan hat? Ich für meinen Teil schleppe nicht bei jedem Spaziergang die Papiere mit, die dies belegen.

    Mein Fazit: Wie so oft ein in der Theorie nettes Gesetz, bei der praktische Umsetzung hapert es allerdings gewaltig.

    • „In meinem Fall legte ich die praktische Prüfung unter Aufsicht einer Tierarzthelferin ab, […]“

      Es sollte natürlich „In meinem Fall legte ich die THEORETISCHE Prüfung unter Aufsicht einer Tierarzthelferin ab, […]“ heißen.

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