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Impulsunterdrückung? – Ich will mich aber aufregen!

Kennen Sie die? Die, die im Auto laut fluchen, den Vogel zeigen und wild gestikulieren? Die, denen man ansieht, dass der Blutdruck gerade gefährlich angestiegen ist, und die man just in diesem Moment mit einem lässig herüber gewunkenen Flugkuss erst recht aus der Fassung bringt?

Ja? Die kennen Sie? Ich auch. Und zwar beim Blick in den Spiegel… „Chill mal, Mama!“ Sehr witzig. Wie soll ich ruhig bleiben, wenn ein unüberbietbar dreister Fahrradfahrer sämtliche Verbotsschilder ignoriert und bei seiner rasanten Slalomtour um Kleinkinder, Fußgänger und Sperrpoller (ja, SPERRpoller) beinahe meine frei laufenden Hunde überrollt? Wie jetzt – „Hunde müssen aber auch angeleint sein!“? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Wer mich denn „zu heiß gebadet“ hat? Ähm, öhmm, Schnappatmung… und weg isser. Okay, der Spruch war gut. Wenn selbst mir spontan nichts darauf einfällt. Respekt. Blöder Typ, aber cooler Text. Den merke ich mir. Kann ja nicht lange dauern, bis ich ihn anbringen darf.

Rétourkutsche

Und siehe da: Meine nachmittägliche Radfahrt bringt mich auf Kollisionskurs mit einem anderen Radler, der einen völlig zappeligen Vierbeiner neben, vor, hinter seinem Fahrrad laufen hat. Nicht nur, dass er auf der falschen Straßenseite fährt und – dank seines unkontrolliert herum springenden Hundes – einen breiten Schlingerkurs über Rad- und Fußweg hinlegt, nein, er pöbelt mich auch noch an, ich solle ihm gefälligst aus dem Weg gehen und aufpassen, wo ich lang fahre. Ob ich denn keine Augen im Kopf hätte und ja wohl mal absteigen könne, um andere vorbei zu lassen, oder doch gleich besser zu Fuß gehen solle, wenn ich schon keine Ahnung von Verkehrsregeln hätte.
Da war er, der Moment, auf den ich mich seit Stunden vorbereitet hatte. Mimimimimiiii… Hirn an Gesichtsmuskeln: „Freundlich und überaus verständnisvoll lächeln!“ Hirn an Zunge: „Jetzt!“ Und mit lieblichem Augenaufschlag ein dezent arrogant klingendes „Wer hat Sie denn zu heiß gebadet?!“ rausgeschallert.. und Rumpelstilzchen samt randalierendem Junghund hinter mir gelassen. Hach, ich bin ja so was von gut! That made my day. Fast…

Wieso, weshalb, warum

Von tiefer innerer Befriedigung erfüllt, setze ich meinen Weg fort. Am Ziel meiner Triumphfahrt empfängt mich eine aufgeregte Freundin, die mir „unbedingt die neuste Übung zeigen muss“, den ihr „kleiner Schatz“ in seiner neuen Hundeschule gelernt hat. (Wir erinnern uns: „Terror-Silver“, der unerzogene, penetrante Kontrollfreak – mehr Weimaraner als Labrador, verdammt süß und verdammt nervig.) Ich bin gespannt. Zumindest werde ich nicht mehr umgerannt und angepieselt. Er macht brav „Sitz!“ und wartet, bis sein Frauchen mich begrüßt hat. Dann darf er seine Knuddeleinheiten abholen. Na, das klappt doch prima. Was also noch?
Ich folge Freundin und Hund in den Wintergarten. Wieder macht „Dickie“ fein „Sitz!“, meine Freundin pult einen Hundekeks aus ihrer Jackentasche.. und legt sie dem artig abwartenden Hund AUF die Schnauze. „Toll, oder?“ – „Was?“- „Na, dass er den Keks nicht frisst.“ – „Geht ja auch nicht. Kommt er ja nicht dran.“ – „Du verstehst das nicht.“ – „Stimmt, erklär´s mir.“ – „Das ist Impulsunterdrückung.“ – „Nee, das ist gemein.“ – „Aber er hat so toll gelernt!“ – „Wozu?“ – „Damit er nicht immer gleich alles frisst.“ – „Dann gib´ ihm doch einfach nichts.“ – „Du willst das nicht verstehen!“ Stimmt. Will ich nicht. Kann ich auch nicht.

Impuls bis zum Hals

Mit dem Thema habe ich nämlich schon so meine Erfahrungen gemacht. Schon ein Weilchen her, aber immer noch sehr präsent:

Eine selbst ernannte „Hundefachfrau“, mit der ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, einen Arbeitsraum teilen zu müssen, schleifte eines Tages ihren offensichtlich total erschöpften Collie-Rüden mit ins Büro. Mit hängendem Kopf und rot unterlaufenen Augen schlich der stattliche Ami hinter ihr her und ließ sich auf sein Kissen fallen, augenblicklich komplett erschlaffend. Auf die Frage nach dem Grund seiner deutlich erkennbaren Abgeschlagenheit erhielt ich zur Antwort, dass seine Rassekollegin, die zu Haus geblieben war, läufig sei. Oha. Deshalb. Alles klar.
Ob sie einen Wurf plane? Nein, sind ja beide Blue-Merle- Collies. Ach ja, der so genannte Merle-Faktor. Diese Tiere darf man nicht verpaaren wegen der Gefahr von Blind- und Taubheit bei den Welpen.
Wie sie das denn dann so regelt mit den beiden quengelnden Hunden – verschiedene Räume oder einer in die Kiste? Nein, die schlafen beide in einem Raum. BITTE?! Ja, mit Herrchen und Frauchen im Schlafzimmer. Jeder in seinem Körbchen. Einer links, einer rechts vom Bett.
Und die Menschen schmeißen sich dann alle naselang dazwischen, oder wie? Nein, das sei nicht nötig, sie könnten allerdings nicht wirklich richtig ruhig schlafen, weil die Hunde so jiepern und jaulen. Und wie wär´s dann mit Kastration – würde doch für alle Beteiligten erheblich weniger Stress bedeuten? Das sei ja nun erst recht überhaupt nicht notwendig, schließlich seien die Hunde trainiert, ihrem Impuls nicht zu folgen. Das Zauberwort hieße „Impulsunterdrückung“.

Impulsunterdrückung?! Haben die ADHS? Nur mühsam konnte ich meinen Impuls unterdrücken, einen deutlichen Kommentar dazu vom Stapel zu lassen, was davon zu halten ist, einen potenten Jungrüden mit einer läufigen Hündin in einen Raum zu sperren, und allen Ernstes von beiden Hunden abzuverlangen, dass sie nicht das tun, was sie natürlicher Weise tun würden.
Nicht beißen, nicht jagen. Okay. Das kann man umleiten, steuern, Unterdrückung nicht notwendig. Aber DIE Aktion…

Von selbst erledigt

Des Eklats deutlich bewusst, den meine Worte nach sich ziehen würden, konnte ich mich in letzter Sekunde auf meine gute Erziehung besinnen und sagte…. nichts. (Bei mir funktioniert die Impulsunterdrückung also.)

Hatte sich mir nun gerade ein weiterer Grund für verhaltensgestörte Hunde erschlossen, da betrat Herrchen die Szene. Knappe Begrüßung für die „Hundefachfrau“ und flugs auf die Knie vorm Hundekissen. Der mittlerweile etwas ausgeruhtere Hund packte dem vor ihm hockenden Kerl erst einmal die Pfoten auf die Schultern, reckte sich noch ein Stückchen in die Höhe.. und dann lag sein großer Collie-Kopf auf dem des Menschen. (Hatte ich schon erwähnt, dass sein Frauchen ihn immer als einen „sensiblen, leicht zu verunsichernden Rüden“ bezeichnete…)
Bevor ich das mir selbst auferlegte Schweigegelübde brechen konnte, und damit das wirklich allerletzte Quentchen vornehmer Zurückhaltung den Bach runter gegangen wäre, drückte sich einer von den Berufs-Autisten aus der IT-Abteilung mühevoll an dem Geschehen vorbei. Kaum vernehmbar nuschelte er beim Weitergehen etwas von „ausgeprägtem Dominanzverhalten“ in seinen nicht vorhandenen Bart. STRIKE! Ich hätte den Mann knutschen können. Aber ich wäre eh´ nicht an ihn heran gekommen, die „Ignoranten Drei“ hatten nämlich mittlerweile den Gang komplett versperrt. (Den das „Sensibelchen“ für gewöhnlich allein blockierte, in dem er rücklings quer im Weg lag, alle Viere von sich gestreckt, die Kronjuwelen präsentierend, und sich auch nicht rührte und rappelte, wenn mensch des Wegs kam. Hatten eben alle über das Riesentier zu klettern, wie „Hundefachfrau“ nicht müde wurde einzufordern, statt das Fellkalb auf sein Kissen zu zitieren. Dafür ließ sie keine Gelegenheit aus, eine andere Kollegin anzupfeifen, wenn deren hervorragend erzogener und sozialverträglicher Australian Shepherd mal ein Stück von seinem Allerwertesten unter dem Schreibtisch hervor lugen ließ.)

Und während alsbald der vierbeinige Rudelführer an mir vorbeidrängelte, um anschließend erfolgreich die Tür so zu versperren, dass Frauchen und Herrchen große Mühe hatten, diese überhaupt zu öffnen, bedachte ich meine friedlich unter dem Schreibtisch vor sich hin dösenden Zottellotten, sprich: Tibet Terrier, nicht nur mit einem liebevollen Blick, sondern auch mit ein paar Extra-Knuddeleinheiten.

Haben wir es gut miteinander, Mädels. Also, naja, ich jedenfalls mit Euch.

Zwei Wochen später erfahre ich zufällig, dass der großartige Rüde an schwerer HD leidet: Zuchtuntauglich. Armer Hund. Noch einmal mehr umsonst gelitten. Da möchte man doch…   nichts mehr von Impulsunterdrückung hören!

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