Lass krachen, Herrchen, aber gefälligst leise! – Was tun bei Verdacht auf Hörschaden?

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Die lauteste Nacht des Jahres steht wieder einmal kurz bevor – und nicht wenige Hundehalter fürchten sich fast ebenso sehr vor dem Anblick ihrer verängstigten, zitternden und fiependen Hunde wie diese sich vor dem Lärm der krachenden Böller und Raketen.

Während es vielen Hunden gar nichts auszumachen scheint und einige von ihnen sogar aus dem Fenster schauen, um das Feuerwerk zu betrachten, gehen aber auch etliche der Fellnasen schon Tage zuvor „in volle Deckung“; dank rücksichtsloser Zweibeiner, die den Countdown nicht abwarten können und es besonders spaßig finden, schon vorher mit Knallern herum zu werfen – manchmal sogar direkt in den Weg von Hunden und Haltern.

Nicht nur der Lärm, auch der Feuergeruch ängstigt!

Bei vielen Tieren löst neben dem für sie kaum erträglichen Lärm auch der Geruch der abbrennenden Feuerwerkskörper eine Panik aus. Instinktiv wollen sie sich in Sicherheit bringen und versuchen sogar, sich aus Halsbändern und Geschirren heraus zu winden. Bloß weg von Krach und Feuer.
Deshalb lautet eines der wichtigsten Gebote für die nächsten Tage: Nicht ableinen!
Selbst in menschenleeren Gegenden kann ein schreckhafter Hund, der zuvor durch Böller und Gestank gestresst wurde, schon beim Knacken von Ästen, das durch flüchtendes Wild ausgelöst wird, erneut geängstigt werden. Panikartig will der Vierbeiner dann vielleicht ebenfalls die Flucht ergreifen. Wer also einen solchen Hund führt, tut gut daran, für die Woche nach Silvester eine Schleppleine einzusetzen, bis das Stresslevel beim befellten Nervenbündel wieder auf Normalniveau abgesunken ist.

Angriff als Verteidigung

Die Angst vor den lärmenden, stinkenden Dingern treibt einige Vierbeiner allerdings auch in die Offensive und sie versuchen, die für sich und ihre Menschen als bedrohlich ausgemachten Feuerwerkskörper zu eliminieren, indem sie den sirrenden, zischenden Dinger nachjagen und manchmal sogar versuchen, die stöckchenartigen Knaller zu apportieren. Nicht selten enden diese Vorwärtsattacken mit schwer verletzten Hunden oder gar mit deren Tod, was in einigen Fällen einer tatsächlichen Erlösung gleich kommt – in Anbetracht der schweren Verletzungen am Vorderkopf. Nähere Beschreibungen und Bilder möchten wir unseren Lesern ersparen.

Was aber tun, wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in unmittelbarer Nähe der geliebten Fellnase einer dieser üblen Krachmacher hoch geht, ohne, dass äußerliche Verletzungen erkennbar sind? Wie sehr kann das Gehör meines Hundes beeinträchtigt sein und woran erkenne ich das? Gibt es Erste- Hilfe- Maßnahmen für Hunde mit einem so genannten Knalltrauma?

HUND-UNTERWEGS hat diese Fragen den tiermedizinischen Experten von tierklinik.de gestellt und folgende Informationen, Tipps und Hinweise erhalten:

Das Gehör des Hundes

Das Hundegehör ist ein hochgradig entwickelter Sinn unserer Vierbeiner und liegt in seiner Orientierung und seinem Entwicklungsgrad entsprechend auf Platz zwei nach dem erstplatzierten Geruchssinn. Während der Mensch nur in der Lage ist, Geräusche mit einem Frequenzspektrum von 16 bis 20.000 Hertz wahrzunehmen, hören Hunde hingegen in einem Spektrum von 15 bis 50.000 Hertz – und somit auch beispielsweise die „Lautlose Hundepfeife“, welche vom menschlichen Gehör nicht wahrgenommen werden kann.

Zum besseren Verständnis möglicher Schäden durch den Lärm von Feuerwerkskörpern skizzieren wir hier zunächst, wenn auch nur grob, die anatomischen und funktionellen Gegebenheiten des Hundegehörs.

Das Gehör eines jeden Hundes besteht aus zwei fundamentalten Bereichen, die sich im Innenohr befinden:

1.- der wohl bekannteste Bereich dient der Wahrnehmung von Geräuschen.
Schallwellen werden in der Ohrmuschel gesammelt und über den Gehörgang auf das Trommelfell im äußeren Gehörgang geleitet. Das Trommelfell wird durch die Schallwellen in Schwingungen versetzt und dieser Reiz wiederum initiiert die Bewegung einzelner Ohrknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel).

Hundeohr-anatomieDie so ausgelöste mechanische Kraft der Knöchelchen wird an das Innenohr, auf das so genannte Ovale Fenster übertragen. Die im Innenohr befindliche Flüssigkeit wird zusammen gedrückt, wodurch feine Härchen in der Schnecke des Felsenbeins in Bewegung geraten. Durch einen elektrischen Reizimpuls der betroffenen Nervenzellen erhält das Gehirn des Hundes ein entsprechendes Signal zur Auswertung der Beeinträchtigung.
So kann beispielsweise ein dumpfer Knall als Bedrohung vom Hund interpretiert werden, wenn dieser nicht schussfest ist. Die darauf gezeigte Reaktion ist Angst in unterschiedlich ausgeprägter Form wie „Nur“ -Zusammenzucken, Rute einklemmen, Schutz beim Halter suchen oder auch Flucht, sich unter Bett oder Sofa verstecken, begleitet von unkontrollierten Jaul- und Zitterschüben.

2.- das Gleichgewichtsorgan.
Es befindet sich auch im Innenohr. Für das Gleichgewicht sind winzige Kalkkörnchen oder Calcitkristalle zuständig, die sich in zwei Aussackungen des Gehörs befinden. Diese Strukturen werden als Utriculus und Sacculus bezeichnet und sind mit dem dünnhäutigen Labyrinth verbunden. Durch die Bewegung des Hundes werden auch die Kalkkörnchen, die an feinen Nervenhärchen aufgehängt sind, bewegt und ermöglichen dem Gehirn die Kontrolle des Gleichgewichts.

Was kann passieren?

Wird nun ein handelsüblicher Feuerwerkskörper in der Nähe der Ohrmuschel eines Hundes gezündet, ist ein erheblicher Schalldruck von ungefähr 1 m/s (Meter pro Sekunde) wahrscheinlich, der zum Riss des Trommelfells führen kann. Unter Umständen tritt dann eine leichte Blutung aus dem Ohr auf, die aber kaum vom Tierhalter bemerkt wird. Ist der Schalldruck höher – etwa bei 1,5 bis 3 m/s (Anmerkung der Redaktion: wie er bei nicht handelsüblichen Böllern wahrscheinlich ist!) – kommt es zur Zerstörung der Ohrknöchelchen, die zuvor heftig auf das Ovale Fenster schlagen und dabei die Kalkkörnchen von den Sinneshärchen abreißen. Hieraus resultiert mit großer Wahrscheinlichkeit eine partielle oder vollständige Taubheit auf dem betroffenen Ohr mit Gleichgewichtsstörungen. Ohne Hoffnung auf Genesung.

Glücklicherweise ist das Knalltrauma beim Hund aber selten so stark ausgeprägt.

Höreinschränkungen, Tinitus (Hörsturz), Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen im Allgemeinen, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen hingegen sind aber schon häufiger mal die Folgen!
Wer eine von Jahr zu Jahr zunehmende Schreckhaftigkeit bei seinem Hund wahrnimmt, sollte auch die Möglichkeit einer zurückliegenden, eventuell auch schmerzhaften Gehörschädigung in Betracht ziehen. Einer Beeinträchtigung, die der Hund richtiger Weise mit  Lärm in Verbindung bringt, und entsprechende Stresssymptome dann zunehmend auch bei anderen Verursacherquellen wie Müllabfuhr, Gewitter, Staubsauger und knallenden Türen zeigt. Tatsächlich kann aber auch ein bereits vorgeschädigtes Hundegehör der armen Fellnase üble Schmerzen bereiten, wenn es sehr laut wird, und sein Panikverhalten ist nicht stress-, sondern schmerzbedingt. Fazit: Nicht nur psychische, sondern auch organische Ursachen (hier: Gehörschädigung durch Knalltrauma) können Auslöser für wiederkehrende und zunehmende Panikattacken sein. Da hilft dann auch kein noch so tolles Anti-Stress-Training; der Schmerz muss behandelt werden!

Was ist zu tun?

Die Symptome sind für den Hundebesitzer meist schwer zu erkennen und zu interpretieren. Bei Verdacht auf ein Knalltrauma deshalb umgehend einen Nottierarzt oder eine dienstbereite Tierklinik aufsuchen!

Es stehen verschiedene Medikamente aus der Humanmedizin wie Pentox CT, B12 Rotexmedica, Solu-Decortin H und Trental zur Verfügung, mit denen sich die Folgen von Knalltraumata minimieren lassen.

Eine möglichst frühzeitige Behandlung sichert die bestmöglichen Ergebnisse!

Außerdem empfiehlt es sich jedes Jahr aufs Neue, rechtzeitig geeignete Maßnahmen zur Stressminimierung gemeinsam mit Ihrem Tierarzt zu überlegen..

HUND-UNTERWEGS dankt den Experten von tierklinik.de für die ausführliche Antwort.

Wer die Hilfe einer dienstbereiten Tierarztpraxis oder Tierklinik in Standortnähe benötigt, wird auch auf tierklinik.de fündig. Neben einer außergewöhnlich großen Wissensdatenbank zu Gesundheit und Pflege von Haustieren sowie einem umfangreichen tiermedizinischen Glossar bietet das exzellente Portal auch eine schnelle Suchfunktion für Tierhalter, die einen Tierarzt oder einen anderen Tierexperten aufsuchen wollen.

 

In der Hoffnung, dass alle Hunde mit Frauchen und Herrchen einen rundum gelungenen Silvesterabend genießen, wünscht HUND-UNTERWEGS

Einen GUTEN RUTSCH und einen harmonischen Start in ein HAPPY NEW YEAR!

 

 hund-unterwegs-frohes-neues-jahr

Kommentare

  1. Manuela meint:

    Nun ist es zum Glück vorbei und endlich wieder Ruhe. Bis zum nächsten Mal…
    Interessantes Thema. An sowas denkt man bei dem ganzen Gerede um die Silvesterangst gar nicht.

    Herzliche Grüße
    Manuela

    • Wieder einmal in Erinnerung rufend, was in einem Hund zu Sylvester vor sich geht, wenn er vor Knallkörper reiss aus gennommen hat.

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