„Artgerecht“? – Gedanken zum Welttierschutztag

Ob Hund, Pferd, Katze oder all´ die anderen Heimtiere – ihre Halter haben sich an die verbindlichen Vorschriften des Tierschutzgesetzes zu halten. Zu unterlassen sind „jede Art von Handlungen und Aktivitäten, die den Tieren kein artgerechtes Leben ermöglichen“. So weit, so klar, so gut. Doch was ist eigentlich „artgerechtes Leben“?

Überall prangte es uns entgegen:  „Rechte der Tiere stärken“, „Gefängnis für Tierquäler“, „Tierschutz ist Menschenschutz“ undundund. PETA, WWF, IFAW und alle anderen Tierschutzorganisationen in medialer Höchstform. Unterstützt von unzähligen Zeitschriften, Online- und TV-Redaktionen, die zum 4. Oktober, dem Tag des Franz von Assisi und deshalb Welttierschutztag, die altbekannten wichtigen Thesen und Forderungen mal wieder geballt unter das tierliebende Volk brachten.

Und inmitten der zu erwartenden Betroffenheitsstories, seriöser Berichterstattung und Pressemeldungen bietet sich dem aufmerksamen Leser diese Schlagzeile:
„NEU – Babymäuse jetzt in Blisterpackungen“
Beim Nicht-Reptilienhalter setzt anlässlich dieser aktuellen Anzeige einer Tierfutter-Handlung erst mal Schnappatmung ein. Und man erinnert sich an den über sieben Meter langen Netzpython, der von einer südostasiatischen Schlangenfarm, die Luxusartikel aus Reptilienhaut herstellt, nach Norddeutschland „gerettet“ worden war. Die knapp 150 Kilo schwere Würgeschlange wurde allerdings nicht mit Unmengen niedlicher weißer Mäuslein gefüttert; ein Ferkel so alle acht bis zwölf Wochen hat´s wohl schon sein dürfen. 

Artenfremde Haltung ist nicht artgerecht

Hätten die „Retter“ sich vor der medienwirksamen Transportaktion eingehender mit dem Zustand des Tieres befasst, wäre wohl kaum verborgen geblieben, was Fachleute schon aufgrund der Länge vermutet hatten: „Big Betty“ war für einen Python ihrer Art bereits uralt. Außerdem voller Tumoren, wie die nur wenige Jahre später stattfindende Obduktion ergab. In freier Wildbahn hätte das mächtige Tier schon einige Zeit zuvor den Tod gefunden. Doch diese Option gab es für den herrlichen Python nicht, und unter den gegebenen Umständen wäre ihm mit einem vorzeitigen Ende als Handtasche tatsächlich mehr gedient gewesen. Denn sowohl die Gefangenschaft auf Sumatra wie auch jene im wenig subtropischen deutschen Bissendorf kann nicht als „artgerecht“ bezeichnet werden.
Genau so wenig wie der zu Recht öffentlich angeprangerte Umgang der ukrainischen Behörden mit den Straßenhunden, die anlässlich der Fußball-Europameisterschaft „in ihrer Population artgerecht eingegrenzt“ werden sollten. Doch anstelle gezielter Einfangaktionen und Kastrationen wurden die herrenlosen Tiere zu Hunderten erschlagen, vergiftet und sogar bei lebendigem Leib verbrannt.
Weniger bekannt, aber mindestens genauso widerwärtig ist das, was in den Urlaubshochburgen an der türkischen Riviera und anderen beliebten Reisezielen geschieht, wenn die Touristen abgereist sind: Die noch wenige Tage zuvor von Hotelgästen gefütterten und von den Hoteldirektionen vermeintlich geduldeten Strandhunde werden zu Zielscheiben der Wachleute. Manche Häuser zahlen ihren schießfreudigen Angestellten sogar Prämien für jeden abgeknallten Hund. Ob Welpen oder trächtige Hündin – es wird auf alles geballert, was die bewaffneten „Securities“ bei ihren generalsstabmäßig geplanten „Reinigungen“ aufspüren. Da, wo´s Beschwerden gab, ist man auf das weniger auffällige Vergiften umgeschwenkt.
Ein Schicksal, das den meisten Tierheimhunden im Ausland immerhin erspart bleibt, doch wünschte man manchem Tier eine baldige Erlösung beim Anblick der völlig überfüllten Baracken und Verschläge, in denen unzählige von ihnen ihr klägliches Dasein fristen. Jede Form von veterinärmedizinisch durchgeführter Euthanasie scheint gnädiger, als die eingesperrten Kreaturen noch länger diesen erbärmlichen Verhältnissen auszusetzen, aus denen es nur für die wenigsten von ihnen ein Entrinnen gibt.

Der Art gerecht werden durch Verzicht

Doch auch jede „Adoption“ von Tieren aus engagiert geführten Tierschutzhäusern im Ausland bedeutet nur einen Hund mehr, der in einem deutschen Tierheim sitzen bleibt. Immer häufiger sind darunter auch Auslandshunde, die von schnell überforderten Gelegenheitshundehaltern aus dem Urlaub mitgebracht wurden und nach wenigen Wochen wieder in einem Tierheim landen. Nur dieses Mal eben in Deutschland. Dort sitzen sie dann mit ihren Artgenossen in größeren Ausläufen zwar und mit guter tierärztlicher und pflegerischer Betreuung, doch hinter Gittern. Jene Gitter, an denen Infotafeln hängen mit in Plastikhüllen eingefügten und austauschbaren Datenblättern, auf denen standardisiert und mit knappen Worten ein ganzes Hundeleben zusammengefasst wurde. Während man die wenigen Zeilen liest, steht der, den sie beschreiben, nur wenige Schritte entfernt. Beobachtend, abwartend. Holst Du mich hier raus? Darf ich endlich wieder ein richtiges Zuhause haben?
Wer jemals durch ein Tierheim gegangen ist, egal wo, muss entweder schon Vieles gesehen haben oder eben kein Tierfreund sein, wenn er nicht im Anschluss heulend, wenigstens aber zutiefst traurig den Heimweg antritt.
Natürlich kann man nicht jedes Tier mitnehmen, nicht einem Riesenhund in einer kleinen Zweizimmerwohnung eine artgerechte Unterbringung bieten oder – Menschenschutz geht vor Tierschutz – einen verhaltensauffälligen Aggressor den eigenen Kleinkindern zumuten.
Aber es ist schon mehr als einen Gedanken wert, sich zu fragen, ob es wirklich einer artgerechten Haltung entspricht, wenn Kaninchen und Co. in einen Käfig gepfercht werden wie Reptilien und Spinnentiere in Glaskästen und Vögel in Volieren. Oder dem Raubtier Katze der Freigang verweigert wird. Bedeutet „artgerechte Haltung“ nicht vielmehr Verzicht?
Verzicht auf das Halten von in unseren Breitengraden gar nicht vorkommenden Arten. (Dazu zählen neben den Exoten übrigens – bis auf eine Ausnahme-  auch Hamster und Meerschwein.) Verzicht auf Käfighaltung  von heimischen Tieren. Verzicht auf einen Hund, wenn man zwar einen Garten, aber eigentlich keine Zeit für die art-, also hundgerechte Haltung hat, die neben einer sinnvollen Beschäftigung auch das Wissen um die Art und das Wissen um die Bedürfnisse des eigenen Hundes im Besonderen umfasst.
Glücklich der Hund, der von einem verständigen Menschen geführt wird. Verwöhnt vielleicht, bestimmt aber geliebt. Gegenseitig. Jeder auf seine Art.
Und jeder Tag ist Welttierschutztag.

One thought on “„Artgerecht“? – Gedanken zum Welttierschutztag”

  1. Danke für diesen Artikel – manchmal denkt man erst zu spät nach, zu spät für das Tier, das dann bereits "angeschafft" wurde. Was dann? Wieder "abschaffen"? Oder bestmöglich versorgen und nach dem Tode des Tieres auf ein Neues verzichten? Menschen lernen durch Versuch und Irrtum und stellen sich oft alles sehr viel einfacher und leichter vor, als es tatsächlich ist. Toll, dass einige durchhalten, sich proffesionelle Hilfe suchen und alles tun, um seinem Tier das bestmögliche Leben zu bieten, das sie bewerkstelligen können. Schade um jedes Tier, das diese Chance nicht hat und dahin vegetieren muss, oft unter völlig abstrusen Umständen – als vermenschlichter Kind-Ersatz, als Show-Objekt, als Sportgerät, als Design-Objekt…  

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