Tierische Helfer mit Biss: Blutegeltherapie beim Hund

Fünf Augenpaare, 240 Zähne und ein ausgesprochener Appetit auf Blut – diese Eigenschaften beschreiben nicht etwa die Schreckenskreatur aus einem Horrorfilm, sondern den Süßwasseregel „Hirudo medicinalis“, den medizinischen Blutegel.

Dieses unscheinbare Tierchen besitzt enorme Heilkräfte und findet seit einigen Jahrzehnten wieder vermehrt in der Medizin seine Verwendung. Auch bei unseren Hunden lassen sich mithilfe der Blutegeltherapie erstaunliche Erfolge erzielen, die manchmal an ein kleines Wunder grenzen.

Blutegeltherapie beim Hund

Alleine das Wort „Egel“ löst bei manchen Menschen schon einen eklatanten Ekel aus. Diese Abneigung hat der Egel aber gar nicht verdient, denn sein Name stammt nicht etwa von dem Wort „Ekel“ ab, sondern vom griechischen Wort „echis“, welches sich mit dem Begriff „kleine Schlange“ übersetzen lässt. Von manchen wird sogar vermutet, dass die Schlange des Äskulapstabs in Wirklichkeit einen Blutegel darstellt. Trotz seines Namens gehört der medizinische Blutegel aber nicht zur Familie der Schlangen, sondern zu der der Ringelwürmer. Er kann etwa 30 Jahre alt werden und erreicht im ausgewachsenen Zustand eine Körperlänge von bis zu 15 Zentimetern und einen Körperdurchmesser von bis zu 2 Zentimetern. Wenn er allerdings mit Blut vollgesogen ist, verfünffacht sich seine Größe und die olivgrüne Zeichnung auf seinem Rücken wird deutlich erkennbar.

Bei welchen Krankheiten können Blutegel helfen?

In der Humanmedizin findet der Blutegel bereits seit der Antike seine Anwendung. Im 19. Jahrhundert erreichte die Blutegeltherapie allerdings einen traurigen Höhepunkt, denn zu dieser Zeit wurden Blutegel praktisch bei jeder Krankheit und in großer Zahl verwendet. In vielen Fällen wurden sogar bis zu 80 Egel gleichzeitig an einem einzigen Patienten angesetzt. Diese „Mode“ führte nicht nur dazu, dass viele Menschen an den heftigen Nachblutungen verstarben, sondern endete auch beinahe mit dem Aussterben dieses hilfreichen Blutsaugers. Durch diese Vorfälle geriet die Blutegeltherapie stark in Verruf und wurde fortan als archaische Behandlungsmethode abgestempelt, die in keiner modernen Arztpraxis mehr etwas zu suchen hatte. In den 60er Jahren wurde die Therapie mit Blutegeln dann wieder neu entdeckt und hat sich seitdem zu einer anerkannten Behandlungsmethode bei vielen Krankheiten entwickelt. Auch bei Hunden kann der medizinische Blutegel vielfältige Erfolge verzeichnen, denn seine Einsatzgebiete sind groß. Egal ob Ödeme, Arthrosen, Bisswunden, Entzündungen oder Abszesse, diese kleinen Blutsauger können unseren vierbeinigen Freunden in vielen Bereichen helfen. Gerade bei Hunden mit starker Arthrose, die vom Tierarzt schon fast aufgegeben werden, kann eine Blutegeltherapie oft noch kleine Wunder vollbringen. Die Arthrose kann zwar durch sie nicht geheilt werden, eine einzige Behandlung reicht aber oft schon aus, um die Symptome für mehrere Wochen zu lindern.

Was passiert beim Biss?

Eigentlich ist der Biss des Blutegels gar kein richtiger Biss, sondern mehr ein Ansägen der Haut. Da der Egel aber direkt schmerzlindernde Substanzen in die Wunde abgibt, verspürt der Hund nur im ersten Moment einen leichten Schmerz, der in etwa mit dem Stich einer Nadel verglichen werden kann. Da die Schmerzgrenze von Hunden aber höher liegt als die von Menschen, bleiben sie in der Regel vollkommen ruhig. Sie heben meistens nur kurz den Kopf oder fangen an zu hecheln und lassen dann die Prozedur widerstandslos über sich ergehen.

Direkt nach dem Biss, und auch während des gesamten Saugvorgangs, sondert der Blutegel einen ganzen Cocktail an medizinisch wirksamen Substanzen ab. Über 40 Inhaltsstoffe konnten bisher im Speichel des Egels festgestellt werden. Zu diesen gehören unter anderem gerinnungshemmende Substanzen wie Hirudin und Calin, entzündungshemmende Stoffe wie Hyaluronidase, histaminähnliche Substanzen und schmerzlindernde Stoffe. Dies führt dazu, dass eine Behandlung mit medizinischen Blutegeln sowohl blutgerinnungshemmend und lokal gefäßerweiternd als auch immunisierend und lymphstrombeschleunigend wirkt.

Wie läuft die Behandlung ab?

Medizinische Blutegel werden in Deutschland auf speziellen Egelfarmen gezüchtet und von dort direkt an die Therapeuten per Express verschickt. Privatpersonen können sie zwar auch über die Apotheke beziehen, aber obwohl die Anwendung der Blutegel im Grunde recht simpel ist, sollte die Therapie dennoch nur von erfahrenen Tierärzten oder Tierheilpraktikern durchgeführt werden. Die Egel müssen nämlich genau an der richtigen Stelle angesetzt werden, damit sie ihre Wirkung entfalten können. Setzt man die Blutegel darüber hinaus auf passende Akupunkturpunkte, so lässt sich die Wirkung der Therapie noch deutlich verstärken. Zudem darf die Blutegeltherapie nicht bei jedem Hund angewendet werden. Leidet das Tier unter einer Blutgerinnungsstörung oder bekommt blutverdünnende Medikamente, so ist das Ansetzen von Egeln tabu. Außerdem darf keine Herzinsuffizienz oder Hirudin-Allergie vorliegen.

Im Anschluss an das „Egeln“ braucht der Hund Zeit zur Regeneration. Bis 48 Stunden nach der Behandlung sollten deshalb keine Höchstleistungen von ihm abverlangt werden. Nach der Behandlung sind die Hunde in der Regel außerdem sehr entspannt und einige schlafen sogar schon während der Therapie ein – dies ist insbesondere der Fall, wenn die Egel auf Akupunkturpunkte gesetzt werden.

In der Ruhe liegt die Kraft

Das Ansetzen der Blutegel ist im Wesentlichen nicht schwer. Neben dem Wissen um die genaue Ansatzstelle benötigt man vor allem eines: Ruhe! Blutegel reagieren äußerst sensibel auf äußere Reize. Stress und Unruhe können Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Magen schlagen“ und ihnen die Lust am Beißen vollständig nehmen. Mal eben zwischen „Tür und Angel“ ein paar Blutegel anzusetzen, ist daher ein sicherer Garant für das vorzeitige Ende der Behandlung. Auch sollte der Behandelnde keine Angst oder Ekel gegenüber den Egeln empfinden, da sich die Nervosität auf die Tiere überträgt – den Hund und die Egel. Stress bereiten den kleinen Blutsaugern auch heftige Temperaturschwankungen, Gewitter oder starke Wasserbewegungen. Aus diesem Grund sollte die Behandlung vorzugsweise in der Praxis durchgeführt werden, denn ein Transport kann für die Egel so stressig sein, dass sie nicht beißen wollen oder sogar sterben können.

Intensive Gerüche führen ebenfalls dazu, dass die Blutegel ihren Appetit verlieren. Die Hände sollten deshalb vor der Behandlung nicht mit parfümierter Seife gewaschen oder gar eingecremt werden. Zudem dürfen die Hände nicht nach Rauch riechen, denn dadurch verlieren die Egel ebenfalls ihre Lust auf eine Blutmahlzeit. Auch der Hund sollte „naturbelassen“ bleiben. Auf Hundeshampoos oder Flohsprays muss daher für mindestens 48 Stunden vor der Behandlung verzichtet werden.

Vor dem Ansetzen wird die Bissstelle rasiert und eventuell ein wenig angeritzt, um dem Blutegel das Beißen an der gewünschten Stelle schmackhafter zu machen. Hat er sich dann erst einmal festgesaugt, ist er die nächsten 30 bis 60 Minuten mit seiner Blutmahlzeit beschäftigt. Wenn der Egel dann satt ist, lässt er sich ganz von alleine fallen. Vorzeitig entfernen sollte man den Egel nur in äußersten Notfällen, da es dabei passieren kann, dass Teile des Egelgebisses in der Wunde verbleiben. Die Wunde selbst ist nach der Behandlung praktisch steril und blutet bis zu zwölf Stunden nach. Durch dieses Nachbluten muss die Wunde nicht verbunden werden, denn es dient der natürlichen Wundreinigung. Nur wenn der Hund die Wunde ständig belecken möchte, sollte sie vorsichtshalber abgedeckt werden.

Was passiert mit den Egeln nach der Behandlung?

Auch wenn es viele Besitzer und Therapeuten nicht gerne hören, so dürfen medizinische Blutegel aus hygienischen Gründen nur einmalig angewendet werden und müssen nach ihrer Blutmahlzeit getötet werden, da sie als potenziell infektiös gelten. Dies geschieht am einfachsten, indem man sie einfriert. Auf keinen Fall dürfen medizinische Blutegel in Flüssen oder Seen ausgesetzt werden. Zum einen wäre ihr Überleben mehr als ungewiss, zum anderen würde auf diese Weise fremdes Genmaterial in die heimische Natur eingebracht werden, was laut Gesetz verboten ist.

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