Woelfin mit Nachwuchs

Die Rückkehrer – Wölfe in Deutschland

Nein, es ist kein Märchen: Der schnellfüßige Beutegreifer und Kulturfolger Wolf hat sich zurück geschlichen. Zurück über die italienischen Alpen und die deutsch-polnische Grenze nach Deutschland. Die Vision des großen Wolfs- und Menschenforschers Erik Zimen ist wahr geworden: Canis lupus lupus is back.

Seit mehr als zehn Jahren schon beobachten Wildbiologen und Jäger, wie die Wolfspopulation hierzulande stetig zunimmt und im Spätherbst 2012 auf gut 150 Tiere angewachsen ist. 16 Rudel insgesamt werden bis dahin in den vornehmlich ost- und norddeutschen Forsten gezählt. Auch in Bayern wurden Einwanderungen einzelner Tiere über die Schweiz und die Abruzzen beobachtet.
Wer allerdings den scheuen Jäger mit eigenen Augen in freier Wildbahn erleben möchte, wird wohl vergebens Ausschau halten. Meist ist nur ein unscharfes Bild aus einer Fotofalle der Beweis dafür, dass Isegrim wieder durch unsere Wälder streift. Doch der Aufenthalt für einige der Rückkehrer ist manchmal nur von kurzer Dauer. Das sie erschreckende Vierrad machte bereits relativ vielen der Vierbeiner den Garaus: Während es in Schleswig-Holstein 2012 einen (von zweien) erwischt hat, wurden in der Lausitz bis Ende 2012 schon 14 Wölfe überfahren. Ein weiteres  Tier ist im April 2012 im Westerwald einem 71-jährigen Jäger vor die geladene Flinte gelaufen. So geschehen auch im Schweizer Kanton Wallis.

„Dass dich färbt die rote Tinte…“

Was als Strafe für den Gänse stehlenden Fuchs in einem Kinderlied besungen wird, ist die kaum verhohlene Wunschvorstellung einiger Landräte und Schafhalter in der Schweiz, in Bayern und in Norddeutschland, wenn es um das Schicksal der rückwandernden grauen Jäger geht. Auch dem wieder angesiedelten Pinselohr Luchs im Bayrischen Wald und im Harz und den Wildkatzen am Deister möchte so mancher Zweibeiner zu gern an den Fellkragen.

Die Abschussforderungen für die Graupelze stellen zwar nur Einzelstimmen gegen den erfreulich großen Kanon der Befürworter und Schützer des Heimkehrers dar, doch werfen sie auch ein Schlaglicht auf die uralten Ängste des Menschen vor dem „bösen“ Wolf. Tatsächlich ist Canis lupus ein Raubtier. Doch hat er mit dem Menschenfresser im bekannten Märchen genau so wenig gemein, wie er ein Kuscheltier ist. Selbst Timber-, Polar- und Grauwölfe in Zoos und Wildgehegen, die von Hand aufgezogen werden, sind keineswegs als „domestiziert“ anzusehen.
AuchTanja Askani, Falknerin und ausgewiesene Wolfskennerin im Wildpark Lüneburger Heide, betont immer wieder ausdrücklich, dass, trotz großer Nähe zum Menschen und meist neugierigem Interesse an diesem, ihre Wölfe untereinander immer noch das arttypische Scheuverhalten zeigen, und in den Jahren der Gehegehaltung auch keine Fehlprägungen bei der Partnerwahl festzustellen waren und sind: Wolf ist Wolf und bleibt Wolf, ein Wildtier. Sogar in der Gefangenschaft in einem mehrere Hektar großen, umzäunten Gelände.

Steckbrief Canis lupus lupus

In Freiheit lebende Rudel europäischer Wölfe von durchschnittlich fünf bis zwölf Tieren beanspruchen Reviere in einer Größe von bis zu 350 Quadratkilometern, was in etwa der Fläche von Städten wie Bremen, München oder Dresden entspricht.
Ein Rudel besteht zumeist aus den beiden Elterntieren sowie Jährlingen und Welpen, die nach der Paarung der Alphawölfe im Winter nach circa 63 Tagen zum Frühjahr geboren werden und von denen oft nur die Hälfte überlebt. Im Alter von etwa zwei Jahren, bevor die Leitwölfin ein weiteres Mal wirft, verlassen die älteren Jungtiere das Rudel, um sich ein eigenes Revier und einen Partner zu suchen. Mehr als 70 Kilometer können die 60 bis 80 Zentimeter großen Tiere an einem Tag zurück legen.
Der tägliche Nahrungsbedarf eines ausgewachsenen, je nach Herkunft und Geschlecht 27 bis 67 Kilogramm schweren Europäischen Wolfes variiert entsprechend zwischen drei und sechs Kilogramm Fleisch. Auf dem Speiseplan des Ausdauerläufers, der etwa sieben Jahre alt wird, stehen Reh und Hirsch, seltener Wildschwein. Dabei jagt er vorzugsweise schwache Jung- und Alttiere, wie auch jüngste Beobachtungen von Forschern und Jägern wiederholt bestätigt haben. Zum Ärger von Nutztierbesitzern geht er aber auch hin und wieder mal einem Schaf oder einer Ziege an die Kehle. Die nur mit geringem bis gar keinem Fluchtinstinkt ausgestatteten und schlecht geschützten Weidetiere sind eine zu willkommene leichte Beute.

Jäger und Gejagter

Naturschutzämter und Tierschutzorganisationen wie NABU und IFAW, aber auch die ansässigen Jagdverbände, die die Rückkehr des Wolfes ausdrücklich begrüßen, beraten Herdenhalter in Wolfsgebieten, und bieten sehr umfangreiche finanzielle Hilfen für Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune und flatternde Lappenzäune. Auch werden den Herdenbesitzern durch Wolfsrisse entstandene Verluste ersetzt.
Doch der eine oder andere Landwirt zieht dennoch einen mit hohen Geldstrafen belegten Abschuss des streng geschützten Wolfes einem vergleichsweise aufwändiger einzurichtenden Herdenschutz vor. Kundgetan in der aufgeheizten Atmosphäre von Stammtischen, zu denen sich bisweilen auch jene Hetzer gesellen, die über die „Vernichtung des gesamten Wild- und Nutztierbestandes durch den Wolf“ und von einer „Gefährdung des Menschen durch das mordlüsterne Raubtier“ schwadronieren, basierend auf vermeintlichen Kriegserfahrungen in Russland annodunnemal.

Der Wolf – ein Job für den Hund

Mal abgesehen davon, dass Wölfe „noch nie einen Wald leer gefressen“ haben, wie Professor Kurt Kotrschal, Mitbegründer und Vizepräsident des Wolf Science Centers im österreichischen Ernstbrunn, es formuliert, regulieren unbejagte Tiere ihre Populationsdichte nachweislich entsprechend der Reviergröße und des Beutetierbestandes selber.
Bleibt zu hoffen, dass unter den zwar verärgerten, aber besonneneren Herdenbesitzern auch solche sind, die sich mit der ältesten und natürlichsten Maßnahme gegen Wölfe befassen: dem Einsatz von Herdenschutzhunden. Mit wenig Menschenkontakt und mit den Jungtieren in der Herde aufgewachsen, betrachten Kangal, Rottweiler, Kuvasz, Owtscharka, Komondor, Akbash, Do-Khyi, Mastiff, Briard, Beauceron, Mastino, Maremmaner, Liptak, Tornjak, Sennen-, Pyrenäen- und andere Berghunde die ihnen von Welpenalter an vertrauten Schafe und Ziegen als ihr Rudel, das sie dann selbst gegen den eigenen Artverwandten, den Wolf, höchst wirkungsvoll und nachhaltig vor Angriffen schützen.
Neben der rassegerechten Verwendung der großen Schutzhunde, die einstmals genau für diese Aufgabe gezüchtet wurden, und die leider – wie neuerdings der Kuvasz –  lediglich als dekorative imposante Begleithunde vermehrt im Straßenbild auftauchen, ist auch dem Wolf gedient, der dank der vierbeinigen Aufpasser (jaja, die bucklige Verwandschaft) zwar keine Lammkeule mehr zu fassen kriegt, dafür aber auch nicht mehr den Unmut schießwütiger Zweibeiner auf sich zieht.

Hund und Wolf – besser nicht

Für Hundehalter gilt folgendes zu beachten: Wer in einem ausgewiesenen Wolfsrevier mit seinem Hund unterwegs ist, sollte ihn auf keinen Fall ableinen. Zwar erkennen die neugierigen Wölfe in ihm einen Artgenossen, aber eben auch einen möglichen Revierverletzer. Unterschiede im Kommunikationsverhalten von Wolf und Hund können für Letzteren schwerste Blessuren zur Folge haben, wie Hund-Wolf-Begegnungen bei Stöber- und Drückjagden in jüngster Vergangenheit gezeigt haben. Besonders in der im Winter anstehenden Paarungszeit der Wölfe ist es dringend angeraten, den Hund eng am Menschen zu führen. Ein Revier und Wölfin verteidigender Leitwolf fürchtet nämlich den Menschen mehr, als ihn sein Revierschutzverhalten gegen den Artverwandten und vermeintlichen Rivalen Hund nach vorne treibt, und er bleibt unsichtbar.

Und weil er nicht (aus)gestorben ist, lebt er noch heut´ – und hoffentlich auch morgen.

Wie wär´s denn mal wieder mit einem Ausflug in den nahen Wildpark? Viele gestatten die Mitnahme von Hunden, und so können Mensch und Hund gemeinsam dem Ahnherrn unserer vierbeinigen Lebensabschnittsbegleiter (und manchmal sogar Lebensretter) einen Besuch abstatten.

Lesetipps für große und kleine Wolfsfreunde:

 

Erik Zimen: Der Wolf

Der gebürtige Schwede Dr. Erik Zimen (1941 – 2003), Zoologe, Ethnologe und Mitarbeiter von Konrad Lorenz, beschreibt in diesen Buch seine Erfahrungen und Forschungen zur Abstammung, Domestikation vom Wolf zum Hund, das Verhalten und die Kulturgeschichte des Hauswolfes zum heutigen Hund und die Herausbildung der einzelnen Hunderassen.

Stimmen anderer Wolfsexperten zu diesem Buch:

Das Buch kann, vor allem wegen der Fülle der behandelten Themen, heute noch als eines der schönsten Werke gelten, die jemals überden Wolf geschrieben wurden.
Luigi Boitani Dept. Animal Human Biology, Rom, Italien

Meine Einstellung zu Wölfen war zutiefst von der Lektüre seines Buches „Der Wolf“ geprägt. Eriks Stil und seine Art und Weise, mit dem Thema umzugehen, war auffallend anders, als ich es aus Nordamerika oder überhaupt gewöhnt war.
Douglas W. Smith /Yellowstone Wolf Project Leader,Yellowstone National Park, USA

Eriks Buch ist auch heute noch für alle, die an Wölfen und ihrer Erhaltung interessiert sind, eine Goldgrube an Wissen.
Dr. Erich Klinhammer / Eckhard H. Hess Laboratory of Ethnology, USA

Erik Zimen: Der Hund

Ein Klassiker der Hundeliteratur. Im Anschluss an „Der Wolf“ (1978) im Jahre 1992 erstmalig erschienen, gehört dieses weitere Standardwerk Zimens zur Pflichtlektüre für Hundehalter. Vergleichende Studien zwischen Wolf und Hund wie auch die kulturgeschichtliche Relevanz der Beziehung Mensch – Hund machen dieses Buch zum empfehlenswerten Tipp für jeden kultur- und naturgeschichtlich interessierten Leser.

Auf den Spuren der Wölfe

NABU-Wolfsmaterialien für Kindergärten und Grundschulen

Kindergarten-Wolfsprojekt

Unter dem Motto „Rotkäppchen irrt“ informiert der NABU Kindergarten- und Grundschulkinder spielerisch über Wölfein Deutschland und bietet dazu Materialien zum Download an:   Einen Aktionsleitfaden mit Informationen zu Wölfen, vielen Spielideen, und einem eigenen Wolfslied. Der Aktionsleitfaden ist im A4-Format angelegt und hat zwölf Seiten. Er eignet sich auch zum Ausdruck in schwarz/weiß. Außerdem gibt es den Wolfssong zum Mitsingen, vier Wolfsbilder im Format A4 sowie ein Bilderbuch zum Thema.

Wölfe – Leben im Rudel

„Benny Blu“ erklärt die Welt der Wölfe:

Benny Blu - Wölfe: Leben im Rudel

aus dem Kinderleicht Wissen- Verlag in Zusammenarbeit mit dem NABU.

 

Was ist Was – Band 104: „Wölfe“(Erik Zimen)

erschienen im Tessloff-Verlag, ISBN-10: 3788606673

 

„Mit Wölfen leben“

zum pdf-Download hier klicken: Informationsbroschüre für Jäger und Tierhalter in Sachsen und Brandenburg

 

Kleiner Wolf Momme

(für Kinder ab 4 Jahren)

Jeden Abend versammelt sich die Wolfsfamilie am großen Felsen, um den Mond anzuheulen. Doch der kleine Momme weigert sich mitzumachen, solange er nicht versteht, wozu die Singerei überhaupt gut sein soll. Seine Großmutter erklärt es ihm: Die Wölfe singen, um ihr Jagdgebiet abzugrenzen – damit alle genug zu fressen haben. Wenn das so ist, muss Momme natürlich auch singen lernen, denn früh übt sich, wer später mal ein guter Leitwolf werden will…

Arena-Verlag, ISBN-10: 3401078496

 

Auge in Auge mit dem Wolf – 20 Jahre unterwegs mit frei lebenden Wölfen

Günther Bloch, Peter Dettling

Auge in Auge mit dem Wolf

 

 

 

 

 

 

 

Günther Bloch erforscht seit über 20 Jahren die Timberwölfe in Kanada und trägt damit zu einer anderen Sichtweise auf Wölfe bei. Peter A. Dettling begleitet die scheuen Tiere schon lange mit seiner Kamera. Seine Fotos wurden international ausgezeichnet.

Der Bildband „Auge in Auge mit dem Wolf“ zeigt, wie der Mensch den Lebensraum der Wölfe beeinflusst, welche Überlebensstrategien die Tiere entwickeln und dass die Mär vom „bösen Wolf“ tatsächlich zu den Märchen zählt. Peter Dettling sind dazu außergewöhnlich authentische Verhaltensaufnahmen gelungen, die ihresgleichen suchen.

Ein faszinierendes Leseereignis für alle, die sich für Wolf und Hund begeistern.

erschienen im KOSMOS-Verlag, ISBN 978-3-440-13249-4

Affe trifft Wolf – Dominieren statt kooperieren? Die Mensch-Hund-Beziehung

Günther Bloch, Elli H. Radinger

Affe trifft Wolf

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wolfsforscher Günther Bloch und Elli H. Radinger beschäftigen sich in ihrem neuen Buch „Affe trifft Wolf“ mit der Frage, wie die Ko-Evolution von Affenartigen und Hundeartigen, die seit Jahrtausenden existiert, heute weitergeht und wie wir davon profitieren können.

Im Mittelpunkt steht dabei die Überlegung, wie wir – unter Berücksichtigung individueller Persönlichkeiten von Mensch und Hund – lernen können, mit unseren Hunden sinnvoll zu kooperieren statt sie zu dominieren. Die Autoren erklären Hundeverhalten evolutionsbiologisch und schaffen mit diesem Ansatz eine ganz neue Perspektive für den Alltag mit Hund.
Eingestreute „Feldnotizen“ mit Anekdoten aus freilebenden Wolfsfamilien runden das Buch ab und begeistern für die faszinierende Welt der Wölfe.

erschienen im KOSMOS-Verlag,  ISBN 978-3-440-13206-7

 

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