Anita Balser

Halti, Thunderleash & Co – Was hilft wirklich?

Es ist eine schwierige Frage. Wenn mein Hund an der Leine zieht, darf ich dann ein Halti, eine Thunderleash oder ein Erziehungsgeschirr benutzen? Und wenn ja, hilft das überhaupt? Oder zerstört es gar die Beziehung zwischen mir und meinem Hund?
Tanja Schmidt (35) ist verzweifelt. Ihr Rhodesian Ridgeback Rüde ist gerade einmal fünf Monate alt und schon so kräftig, dass die sportliche Unternehmensberaterin neulich beim Spaziergang im Wald gestürzt ist. Sie ist unglücklich gefallen, eine Gehirnerschütterung war die Folge. Jetzt hat Tanja Angst davor, was passiert, wenn ihr Junghund noch größer und kräftiger ist. „Ich brauche auf jeden Fall schnell eine Lösung“, sagt sie.

In der Hundeszene lösen Halti & Co regelmäßig lebhafte Diskussionen aus. Vor allem unter Hundetrainern. Das weiß auch Anita Balser. Die Hundetrainerin ist seit knapp 20 Jahren im Geschäft. Sie arbeitet mit Hunden über ihrer Körpersprache und einem Zischlaut, der als Abbruchsignal dient. Balser hat im Laufe der Jahre diverse DVDs veröffentlicht. „Das Wichtigste ist die Einstellung des Menschen zu seinem Hund“, sagt die 41-Jährige. „Die gilt es zu verändern und anzupassen. Erst dann geht es an die praktische Arbeit.“

Rickback an Leine

Klar, das Problem liegt meistens am anderen Ende der Leine. Das ist nichts Neues. Doch die Einstellung, die der Mensch zu seinem Hund hat, hängt auch von seiner privaten Situation ab. Viele Hundebesitzer haben sich ein Tier angeschafft, weil ihnen emotional etwas fehlt.
Häufig ist der Hund der einzige Sozialpartner, der ihnen zur Seite steht. „Menschen, die mit sich selbst nicht im Reinen sind, werden es je nach Hundetyp sehr schwer haben, langfristige Erfolge zu erzielen und die erwünschte Harmonie herzustellen. Das wird noch mal deutlich erschwert, wenn man nicht bereit ist, zunächst an sich selbst zu arbeiten.“

Das ist zweifelsohne richtig. Doch angesichts der Probleme, die uns täglich auf´s Neue ins Haus flattern, ist das manchmal gar nicht so leicht.
Was also tun, wenn der Mensch zwar gerade eine schwierige Phase erlebt, aber trotzdem nicht von seiner Fellnase durch die Gegend gezogen werden möchte?

Wir blicken nach Sylt. Auf der Nordsee-Insel hat sich Stefanie Hausen gerade als Hundetrainerin selbstständig gemacht. Zuvor war sie Physiotherapeutin mit einer eigenen Praxis und hat ein Fernstudium bei der Akademie für Tiernaturheilkunde (ATN) absolviert. Nachdem sie ihre Praxis aufgegeben hatte, half die 32-Jährige regelmäßig in einer Tierarztpraxis aus. Eine gute Sache, um Hunde ganzheitlich betrachten zu können.
„Wenn ich die Ursache für das Problemverhalten erkannt habe, baue ich anschließend das Alternativverhalten positiv auf und erziele so ein nachhaltiges Lernen.“

Stefanie Hausen Hundetrainerin auf Sylt

Stefanie Hausen Hundetrainerin auf Sylt

Stefanie Hausen weiß, dass viele Hundehalter erst mal kritisch sind. Nicht selten haben sie das Vertrauen in das Tier und in die eigenen Fähigkeiten verloren. Sie wissen, dass sie ihrem Hund körperlich auf dem Spaziergang nichts entgegen zu setzen haben, wenn dieser heftig an der Leine zieht, weil ein anderer Hund in Sichtweite ist. „Nachhaltigkeit braucht Zeit, aber Sicherheit geht vor! Um diese sicherzustellen, sind einige Hilfsmittel durchaus einwandfrei. Ich empfehle immer den Rat einen Trainers einzuholen, bevor jemand eine Erziehungshilfe arglos einsetzt. Denn so harmlos Haltis auch wirken mögen, bei unsachgemäßem Gebrauch bergen sie eine Gefahr für die Gesundheit des Hundes.“ Außer dem Halti, schwört Hausen auf die Thunderleash. „Die Thunderleash ist eine gute Möglichkeit, mit wenig Kraftaufwand einen Hund, der gerne los schießt, zu halten. Das Angenehme ist, dass sich der Druck am Hund auf eine große Fläche verteilt und nicht punktuell auf der sensibelsten Stelle, dem Kehlkopf des Hundes, ankommt.“

Eine Lanze für sämtliche Hilfsmittel will Hausen aber nicht brechen. „Alles, was Schmerzreize auslöst, wie Stachelwürger, Tele-Tac ist unakzeptabel. Bedenkt man, dass übermäßiger Stress und Schmerz das Lernzentrum des Hundes blockiert, macht der Einsatz noch viel weniger Sinn. Der Hund lernt nichts dabei und wird unerwünschtes Verhalten dadurch nicht sein lassen. Damit erzeugt sich der Mensch selbst eine Abhängigkeit an die Erziehungshilfe. Übrigens sind auch Sprühhalsbänder bedenklich, selbst wenn sie dem Hund körperlich nicht weh tun. Sie können jedoch psychisch für den Hund eine absolute Katastrophe sein.“

katharina-queisser

Katharina Queisser Leiterin Zentrum für Hundewissen in Hessen

Im Zentrum für Hundewissen in Limburg-Offheim (Hessen) garniert Leiterin Katharina Queisser gerade einen Cappuccino mit Schokopulver. Auf der aufgeschäumten Milch ist jetzt eine Hundepfote sichtbar. „Wie süß“, jauchzt eine Frau mittleren Alters, die die Tasse entgegen nimmt.
Aus ganz Deutschland reisen die Teilnehmer an, um sich Referate von Hundetrainern anzuhören. Gerade spricht Maren Grote über ADHS bei Hunden. Solche Seminare finden im Zentrum für Hundewissen regelmäßig statt. Offenbar machen sich viele Menschen Gedanken um Hunde, ihre Probleme und Erziehung.

Queisser freut sich über den Zulauf. Sie ist selbst Hundetrainerin und profitiert von den unterschiedlichen Strömungen und Erkenntnissen, die die Referenten den Teilnehmern berichten. „Mir ist es wichtig, offen zu sein und zu bleiben. Schon im Sinne der Menschen und ihrer Hunde.“
Die 51-Jährige ist tolerant. Auch im Umgang mit Hilfsmitteln. „Ich lehne grundsätzlich nur die Hilfsmittel ab, die dem Hund Schmerzen zufügen und dem Menschen scheinbar die eigentlich Arbeit abnehmen.“ Und weiter: „Der Wunsch nach einer schnellen, bequemen Lösung ist natürlich groß. Doch Schmerzen oder Druck werden nicht funktionieren. Lernen braucht Zeit. Hunde sind schließlich keine Computer.“

Diese Aussage findet Tanja Schmidt nachvollziehbar. Sie möchte in der Erziehung ihres Rhodesian Ridgeback alles richtig machen und vor allem das Vertrauen nicht verspielen. Übergangsweise probiert sie es nun mit der Thunderleash. „Ich brauche für mich selbst erst mal das Gefühl, dass ich meinen Hund halten kann. Für mich ist es wichtig, den Sturz im Wald aus dem Kopf zu bekommen.Vorher kann ich mich auf ein Training gar nicht einlassen.“

Wie denken Sie über das Thema Hilfsmittel? Welche Erfahren haben Sie mit dem Einsatz von Halti, Thunderleash & Co. gemacht? Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

 

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