Happy Halloween – Kelten, Kürbisse und Werwölfe

Nur noch wenige Stunden und sie klopfen wieder an jedes Haus, jede Tür. Gruselig verkleidete und geschminkte Gestalten, organsierte Zuckersüchtige, kaum größer als ein Hexenbesen, ziehen bei Anbruch der Dunkelheit marodierend durch die Gemeinde: „Süßes oder Saures!“

Aus Sorge um Türschloss und Briefkasten oder einfach nur eingeschüchtert durch die herausfordernden Blicke der elterlichen Bodyguards, die im Hintergrund lauern, wirft der um ein gutes Nachbarschaftsverhältnis bemühte Angebettelte weitere Kalorienbomben in die teils schon üppigst befüllten Beutel, die ihm nach Öffnen der Tür fordernd entgegen gehalten werden. 
Zugegeben, tiefes Knurren und Bellen eines hörbar großen Hundes hinter der Tür würde die Anzahl der entschlossenen Plagegeister deutlich dezimieren, aber hat man gerade die eigenen Ableger auf Beutezug entlassen, kann man diesen Trumpf schlecht ziehen. Also, hau raus, die Kamelle. Dabei ist es eine Kunst, den Vorrat so zu verteilen, dass auch die letzten Nachzügler noch etwas bekommen, aber nichts mehr übrig ist, wenn der selbst gezogene Nachwuchs voll beladen zurückkehrt und mögliche Restbestände einfordert.
Viele Mitmenschen verfluchen den vermeintlich amerikanischen Brauch und schimpfen über „unkontrolliertes Konsumverhalten“. Doch nur, weil der Hersteller einer weltbekannten Prickellimonade einst dem Weihnachtsmann die rote Kutte verpasste, kommt nicht alles aus Übersee. Wer hat´s dann erfunden?

Von Samhain zu Halloween

Angefangen hat es vermutlich vor etwa zweieinhalb Tausend Jahren mit den Kelten, die mit dem Ende des Sommers und der eingebrachten Ernte das jeweilige Jahresende zum heutigen 31. Oktober begingen. In der Nacht zum 1. November, dem ersten Tag des neues Keltenjahres, wähnten die einstigen Bewohner Irlands, Schottlands und Nordfrankreichs die Grenze zwischen den Welten der Lebenden und der Toten besonders durchlässig. Um zu verhindern, dass Wiedergänger in dieser Nacht von Menschen im Diesseits Besitz ergriffen, opferten die Kelten zur Besänftigung der rückkehrwilligen Toten Teile ihrer Ernten und Tiere und trugen Masken und Umhänge, damit die Geister der Verstorbenen sie nicht erkennen und deshalb nicht von ihnen Besitz nehmen konnten. Sie entzündeten große Feuer, die „Bonefires“ (Knochenfeuer), in denen sie die Knochen der Schlachttiere verbrannten, und die sie zum Morgen hin erlöschen ließen, um sie dann mit dem ersten Tageslicht des neuen Jahres erneut zu entfachen, auf dass es ihren Familien in den kalten Tagen und Nächten des herannahenden, dunklen Winters  immer Wärme und Schutz bieten würde.
Mit der Ankunft der römischen Eroberer um 42 v. Chr. verschmolzen die Rituale des keltischen Samhain-Festes mit denen des römischen Totenfests Feralia und dem Erntefest der Römer zu Ehren der Göttin Pomona, Patronin der fruchttragenden Gehölze.
Knapp 600 Jahre später rief Papst Gregor IV. für das selbe Datum einen christlichen Totengedenktag aus, das Fest zu Allerheiligen; im Englischen „All hallows“ oder auch „All Hallows Eve“ genannt – mit großer Wahrscheinlichkeit der Ursprung des heute üblichen Namens „Halloween“.
Mit der „Übernahme“ des heidnischen Keltenfestes initiierte die katholische Kirche in den christianisierten Gemeinden kirchliche Festzüge. Als Ersatz für den keltischen Brauch, die Toten mit Opfergaben zu besänftigen, wurden stattdessen nun die Armen mit gespendeten Speisen bedacht. Jahrhunderte später waren es vor allem Kinder, die von Haus zu Haus zogen, um kleine Kuchen oder andere Naschwaren zu erbitten.

 Jack O´Lantern, der Halloweenkürbis

Irische Einwanderer brachten das Halloween-Fest nach Amerika; und dank der großen Kürbisse, die dort in weiten Teilen des Landes im Oktober geerntet werden, ließ sich gleich noch eine andere Gruselgeschichte aus Irland in das Geschehen der Halloweennacht mit einbinden: Die Legende um den Trunkenbold Jack, den der Teufel holen will, aber von dem gewitzten Menschen auf einen Baum gelockt wird.  Unter dem Ast, auf dem der Gehörnte sitzt, schnitzt Jack ein Kreuz in den Stamm, und erst, als er dem Teufel das Versprechen abgenommen hat, ihn noch ein Weilchen zu verschonen und auch später nicht dem Höllenfeuer zu übergeben, zerstört er das bannende Schnitzwerk und entlässt den Herrn der Unterwelt aus dessen misslicher Lage. Als seine Zeit gekommen ist, bittet Jack an der Himmelspforte um Einlass. Vergeblich. Zu groß waren seine irdischen Schandtaten. Doch auch der Teufel will ihn nicht; gebunden an das vormals gegebene Versprechen, weist er den Gauner ebenfalls ab und verdammt ihn damit zum ewigen Herumirren in der stockfinsteren kalten Zwischenwelt. Der jammernde Jack dauert ihn schließlich jedoch so sehr, dass er der verdammten Seele eine Rübe und ein Stück glühender Kohle mit auf den Weg gibt. Damit der glimmende Brocken nicht erlischt, höhlt Jack die Rübe aus und legt das Kohlestück dort hinein, seine Laterne in der ewigen Nacht der Verdammnis, die Jack O´Lantern.
Vor dem Hintergrund dieser Legende schnitzen Halloweenjünger heute wie vor ein paar hundert Jahren besonders gruselige Fratzen in ausgehöhlte Kürbisse und stellen sie, von einer Kerze im Inneren schaurig schön ausgeleuchtet, vor ihre Häuser und Wohnungen, um die Geister der Halloweennacht zu vertreiben.

Halloweengeister und Horrorwesen

Fiel Halloween auf eine Vollmondnacht, so galt es auch, sich vor Formwandlern wie dem Werwolf zu schützen. Schrieben die Kelten vor allem dem Hund besondere magische Heil- und Schutzkräfte zu und die Fähigkeit, die Zwischenwelt zu passieren, deuteten zu jener Zeit und auch im späteren Mittelalter die Menschen ihre an Tollwut erkrankten Angehörige als das menschgewordene Böse, den Werwolf. Doch anders, als die Geister der Halloweennacht, ist der Werwolf kein Wesen des Totenreichs, aber gern genommene Vorlage für eine gar schröckliche Verkleidung – wie auch Hexen, Zauberer und Fantasiemonster.

Tag der Toten – Fest des Lebens

In Mexiko wird in der Nacht zum 1. November die Wiederkehr der Toten auf besonders bunte Weise gefeiert: Familien pilgern mit Getränken und Speisen für ein üppiges Picknick zu den Grabstätten ihrer verstorbenen Angehörigen. Aus Zuckerguss gefertigte Totenköpfe und farbige Blumengirlanden schmücken landesweit die Friedhöfe zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten. Wie ihre Vorfahren, die Maya und Azteken, glauben auch heute noch die meisten Mexikaner, dass an diesem Tag die durch den Tod befreiten Seelen der Verstorbenen zurückkehren, um für eine kurze Weile bei den Lebenden zu sein und mit ihnen zu feiern. So richten sie den Gegangenen ein besonders schönes Willkommensfest aus, gedenken ihrer an den Gräbern mit fröhlicher Ausgelassenheit und dem Austausch liebevoller Erinnerungen. Ein Brauch, der von der UNESCO zum „immateriellen Kulturgut“ erklärt wurde.
Und während der Korb mit den Halloween-Naschereien sich langsam leert, gefällt mir der Gedanke, mit jedem Bonbon, jedem Schokoriegel, jeder Clementine einen Beitrag für ein vergnügtes Fest zu Ehren all´ derjenigen Lieben zu geben, die ich für immer vermisse und nie vergessen werde. Unter ihnen auch die mit den vier Beinen.

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Wenn ein Hundeleben endet: Bonnies letzter Seufzer

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