distanzloser Hund

Komm mir nicht so nah! – Wenn Hund nervt..

Es gibt Hunde, denen ihre Menschen total egal sind. Und es gibt Hundehalter, denen ist scheinbar nichts peinlich. Am allerwenigsten das Verhalten ihres Hundes. Ihres aufdringlichen, unerzogenen Hundes. Kommt beides zusammen, geht´s mächtig an die Nerven.

Vor einem knappen halben Jahr noch war das Auto des bis dahin hundelosen Freundespaars außen wie innen in tadellosem Zustand. „Scheckheftgepflegt!“ Ja, in der Tat, sah aus, als wäre noch nie jemand darin gefahren. Picobello, kein Blättchen Laub, kein Steinchen, kein Stäubchen, kein Krümelchen verunzierte das Fahrzeuginnere. Geruch wie.. äh, ja, eigentlich gar kein Geruch. Die Besitzer selber – immer wie aus dem Ei gepellt. Ob Businessklamotte oder legerer Freizeitlook, von Kopf bis Schuh zwei tadellos gepflegte Erscheinungen. Gut organisiert, stets pünktlich, freundlich, ausgeglichen. Überflüssig zu erwähnen, dass auch die Wohnung dieser Menschen in fast hygienisch sauberem und perfekt aufgeräumtem Zustand war. Ja, Vergangenheitsform, WAR. Denn seit fünf Monaten ist alles anders.
Vor fünf Monaten ist „Silver“ bei ihnen eingezogen. Neun Wochen alt, strahlende Knopfaugen, viel zu große Jacke, spitze Welpenzähne und sooo süß.

Hundewunsch vs. Wunschhund

Baby-Labbi. In silber. Ich dachte, die gibt´s nur in blond, schwarz und choco. „Nein“, werde ich belehrt. „Das ist ein neuer Farbschlag. Die kreuzen jetzt Weimaraner ein.“ Aha. Bevor ich mir Gedanken über „die“ mache, rumort da was in meinem Hinterkopf: Weimaraner, edel, Kunst, Jagdhund. JAGDHUND. Okay, der Labrador ist auch einer, aber eben in den meisten Wesensausprägungen schon eher der kompatible, kinderliebe Familienhund, den sein neues Herrchen aus frühen Kindertagen kannte und den er sich nun hatte zulegen wollen. Der triebige Vollblutjagdhund Weimaraner, der „Dickerchen“ zu seiner Farbe verholfen hatte, wäre sicher nicht die Wahl der in Planung befindlichen Kleinfamilie gewesen. Doch nun war „Dickie“ da. Und wie.

Kleiner Hund, kleine Sorgen

Die einstmals tiptop durchgestylte Wohnoase von Herrchen und Frauchen – nach drei Monaten immer noch ein Meer aus Zeitungspapier. Die Holzfüße vom Couchtisch angeraspelt, der Designerledersessel von drängelnden Pfoten zerkratzt, die schicke Bodenvase.. verschwunden. „Ach, die hat sowieso nur Platz weg genommen, und der Lütte tobt doch so gerne“, säuseln zwei komplett entrückte Zweibeiner. Wer seid Ihr und was habt Ihr mit meinen Freunden gemacht?
Während ich mir mit den gereichten Papiertüchern notdürftig die üblichen Begrüßungströpfchen des mittlerweile überkniehohen Marodeurs von Schuhen und Hosenbein wische, schleift dieser gerade meine Handtasche weg. Könnte vielleicht mal bitte jemand…?! „Das ist jetzt seine Beute.“ Nee, das ist meine Tasche, also gefälligst her damit! Schöne Zähne, Freundchen, und beeindruckendes Geräusch, das du da machst. „Die gibt er jetzt erst mal nicht mehr her!“, lachen Frauchen und Herrchen hinter meinem Rücken. „Du musst ihm was anbieten.“ Oh, da fällt mir so einiges ein, aber wie wär´s denn mit „Pfui! Aus!“? „Das kann er noch nicht, er ist doch noch so klein.“ Unzählige Hundekekse und zehn Minuten später ist „Dickielein“ gnädigst von meiner Tasche abgerückt und sitzt bei Herrchen auf der Couch. Nein, eigentlich sitzt er auf Herrchen, der seinerseits auf der Couch sitzt. Diesen Platz verlässt der Klops auch erst, als Frauchen „mal dringend wohin“ muss. „Er folgt mir immer auf Schritt und Tritt. Sogar ins Bad. Er ist so anhänglich. Ist er nicht süß?!“
Nein, ist er nicht! Dieser gar nicht mehr so kleine, hübsche Silberlabbiweimaraner ist ein dreister, penetranter und komplett unerzogener Kontrollfreak.
Mein klingelndes Handy bewahrt mich davor, zu sagen, was ich denke, und unter einem Vorwand verlasse ich das Reich von Dickie Controlletti, der mir auf dem Weg zur Haustür noch mal schön gepflegt in die Wade kneift.

Großer Hund…

Zwei Monate später sitzt eine völlig derangierte, verzweifelte Freundin in meiner Küche: „Ich kann nicht mehr.“ Sie habe sich ja daran gewöhnt, dass der Hund sie nachts aus dem Bett jault, der Teppich versaut ist, im Auto lauter Hundehaare verteilt sind und es besonders nach Regenspaziergängen wie „alte Erbsensuppe“ riecht. Aber der Hund mache nur, was er will. Läuft zu jedem hin, springt alles an, egal, ob Mensch oder Hund. Völlig respekt- und distanzlos. „Einige Nachbarn wechseln schon die Straßenseite, wenn sie uns nur von Weitem sehen, und andere streicheln ihn auch noch, wenn er an ihnen hochspringt.“ Im Haus klebe er wie ein Schatten ständig an ihr und draußen könne sie ihn nicht mehr von der Leine lassen. „Wenn der ein Kaninchen sieht, will er hinterher.“ 

Ich bin ja kein Hundetrainer. Aber das klang so, als würde definitv einer benötigt. Vorausgesetzt, die Menschen im Hause Dickie wären bereit zu ausnahmsloser Konsequenz, denn das Fehlen einer solchen ist wohl die Hauptursache der beschriebenen Zustände. Und außerdem schien es dringend angezeigt, dem Weimaraner in ihrem rüpelhaften Liebling gerecht zu werden, denn der will auf alle Fälle eins: jagen.

Seitenwechsel

Seit mehreren Tagen versteht „Terror-Silver“ die Welt nicht mehr: Ständig wechselt einer von seinen zweibeinigen Mitbewohnern in Minutenabständen den Raum und macht ihm die Tür vor der Nase zu. Das Bad ist komplett tabu, und von Herrchens Schoß wird er immer wieder hinunter geschoben. Auf die Erde! Denn auf die Couch darf er auch nicht mehr. Er muss auf sein Hundekissen gehen, am Halsband geführt.
Nicht, dass man das einfach so mit ihm machen könnte; davon zeugen ein zerlegter Damenstiefel, zwei durchgebissene Leinen und tiefe Kratzer in mehreren Türen, aber die Zweibeiner sind ja so was von hartnäckig. Ständig dieses Hin und Her, das ist ihm doch zu blöd, und auf dem tollen neuen Kissen ist´s ja auch ganz gemütlich.
Von da aus kann er das Gespräch mit dem Tischler genau verfolgen und die Ankunft der Trainerin beobachten, die er erst begrüßen darf, wenn das Willkommensritual der Zweibeiner beendet ist. Doofe Regel, aber sonst wird er wieder auf sein Kissen expediert. Am Anfang wurde er sogar angeleint, er, der eigentliche Herr des Hauses, was für eine unfassbare Zumutung! Und dann wurde er auch noch ignoriert. Zwei Leinen später haben sich alle Bewohner mit den neuen Verhältnissen so einigermaßen arrangiert.
Das mit der Wasserspritze beim Spaziergehen nimmt er Herrchen immer noch übel, und dass Frauchen sich nachts immer so komische Stöpsel in die Ohren steckt, ist auch sehr unschön, aber das Geschimpfe und Gemecker am Morgen wegen seiner Wutpfütze ist auch längst nicht so angenehm, wie Frauchens Freude und Streicheleinheiten, wenn er „dicht gehalten“ hat.

Vielleicht darf er ja bald mal an einem Jagdtraining teilnehmen, hat die Trainerin vorgeschlagen. Aber erst muss er sich noch etwas besser benehmen und wenigstens die Grundkommandos ausführen. Das kriegt er hin, bei den verlockenden Aussichten!
 
Und die Frau, der er so gerne in Hacken und Wade gekniffen hat und deren Handtasche so lecker schmeckt, ist eigentlich auch ganz nett. Nur so ganz nah ran möchte er nicht mehr. Letztens hat sie ihr Knie angezogen, als er gerade im Ansprung war….
 

6 thoughts on “Komm mir nicht so nah! – Wenn Hund nervt..”

  1. Schöner Artikel, eventuell etwas zu niedlich gehalten. Diese Distanzlosigkeit ist wirklich für einige ein Problem: Es können Kinder umgeworfen werden, Personen miit Hundeangst werden bedrängt und jemmand auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch beschmutzt….  Ein freundlicher Hund ist wichtig, aber er sollte schon wissen, wann er sich wie zu verhalten hat.  Ansonsten ein wundervoller Artikel!  Nur noch eine Anmerkung am Rande. Der Part "Geschimpfe und Gemecker am Morgen" hat mich etwas verwirrt – ich hoffe niemand meckert über Misgeschicke, Wutpfützen und zerstörte Gegenstände, wenn er den Hund dabei nicht auf frischer Tat erwischt…

  2. Schön geschriebener Artikel. Ich verstehe vorallem nicht was in die ganzen Konzerne gefahren ist. Wusstet Ihr, dass * (Firmenname von der Redaktion entfernt)  der größte Produzent von Tiernahrung ist?! Und da fängt das Problem an: In diesen ganzen – und vorallem unnötigen – "snacks" ist Zucker drin. Hallo – was soll Zucker bitte in Hundefutter?! Das Tier wird dick, die Tierarztkosten und Krankheiten nehmen zu.. Der beste Freund wird immer träger – genau wie das Herrchen, das sich ebenfalls mit Produkten von * vollstopft. Ein weiteres Problem sehe ich auch im fehlenden Willen sich mit der Erziehung des Tieres auseinanderzusetzem. Das erste was ich gemacht habe BEVOR ich mir einen Hund angeschafft habe war, dass ich mir ein Buch gekauft habe und mich informiert habe was eine Hundeversicherung bringt. Gerade für Leute, die sich in Rasse und Größe des Hundes übernehmen ist nämlich genau so eine Versicherung für Hunde oft das was ihnen hinterher den Hintern rettet – wenn sie denn so schlau waren überhaupt eine abzuschließen. Tolle Website übrigens, weiter so!

  3. Hallo zusammen. Dieser Artikel beschreibt wirklich das Problem vieler Leute, auch wenn diese es erst einmal nicht zugeben wollen. Ich wohne in der Schweiz habe 2 Hunde und hier MUSS man mit jedem neuen Hund einen Nachweis über einen Erziehungskurs mit Sachkundenachweis innert 12 Monaten bei der Gemeinde abgeben. Bei diesen Kursen sieht man gleich, welcher Welpe bereits in einer Welpenschule war und welchem Welpen alles erlaubt wurde…..es ist wirklich wie beschrieben…..

  4. Beschreibt ein großes Problem: Ein Hund erzieht sich nicht von selbst. Auch ein Familienhund (Labrador) nicht. Zumindest erzieht er sich selbst nicht in Richtung „Vorzeigehund“.

  5. Sehr schöner Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft!! Trotz dessen, dass diese Artikel ja auch unterhaltsam sein sollen, darf aber wirklich nicht vergessen werden, dass diese Art der penetranten Distanzlosigkeit in fast 80% der Hundehaushalte stattfindet!!! Was am Anfang als „uhiii kuck mal wie niiiiieeedlich er/sie ist doch nur soooo verschmusst und kuschelbedürftig“ durchgeht, endet bei vielen dann in völliger Genervtheit und extrem überzogener, unproduktiver Härte!! So mancher Hundebesitzer verwechselt Konsequenz mit Liebesentzug!!! Gerne genommene Ausreden die ich zu Hauf höre, gerade bei Hunden die aus einer Auffangstation kommen… : der hatte es doch soooo schlecht, bei uns soll er es jetzt viel besser haben. Wenn ich dann nach der Definition des „es besser haben“ frage, und wissen möchte wie das aussehen soll, sträuben sich mir schon so manches mal die Nackenhaare 🙁

    Das Eine hat aber mit dem Anderen aber garnichts zu tun, denn wenn ein Welpe oder auch erwachsener Hund nicht von anfang an Regeln und Grenzen aufgezeigt bekommt, endet es leider sehr oft in Gesprächen damit, dass der Hund doch eine totale Belastung geworden ist und am besten sofort und jetzt gleich ein Neues Zuhause haben soll!!!

    Viele Hundebesitzer können sich leider viel zu spät erst eingestehen, dass da was nicht ganz richtig läuft und das sie Hilfe brauchen. Leider stelle ich in meiner täglichen immer wieder fest, das die Nerven so mancher Hilfesuchender schon sooooo blank liegen, dass ihnen mittlerweile die Kraft fehlt und sie auch die nötige Geduld für Veränderungen kaum noch aufbringen können!!!

    Es ist immer sehr schwer zu vermitteln, dass Veränderungen Zeit brauchen. Die häufigst gestellte Frage,quasi direkt zu Anfang: „wie lang dauert das denn so, bis der Hund sich geändert hat???“ Viele vergessen aber, dass die Veränderungen erstmal vom Menschen ausgehen müssen, damit sich der Hund daran orientieren kann!!!

    Darum mein Appell an alle Hundebesitzer, bei denen sich die Mensch-Hundbeziehung nicht in die gewünschte Richtung entwickelt „Bitte sucht euch rechtzeitig Unterstützung, denn es ist wirklich keine Schande oder Schwäche, wenn man bestimmte Dinge nicht weiss!!

    An dieser Stelle auch nochmal ein dickes Dankeschön dafür, dass die Redaktion auch schwierigere Themen anspricht und die Plattform für Tipps und Gedankenaustausch bietet!!!

    Vielen Dank!!!

  6. „Nur so ganz nah ran möchte er nicht mehr. Letztens hat sie ihr Knie angezogen, als er gerade im Ansprung war….“
    Total unnötig! Krankhafte, Tiermishandlung. Stell dich vor ein Mann macht das mit sein Kind! Oder mit sein Frau!

    Eine Hund kann man mit Clickertraining super erziehen, ohne es weh zu tun! Ich habe die schwierigste Hunden mit Clickertraining und Lob zu Superhunden erzogen (kein Schmerzen, kein EKELHAFTES UNERWARTETES BEIN HOCHZIEHEN)… Negatives ignorieren, ablenken auf positive Sachen und viel Liebe. Das ist die Zauberformule. Alle sprechen mich auf meine Hunden an.

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