Was Welpen wirklich brauchen – Interview mit Viviane Theby

Sie gehört zu den bekanntesten Clickertrainerinnen Europas, ist Buchautorin, Tierärztin und Verhaltenstherapeutin: Viviane Theby. Soeben ist ihr neues Buch „Das Kosmos Welpenbuch“ erschienen. Hund-Unterwegs Mitarbeiterin Manuela Lieflaender sprach mit der 50-Jährigen über den richtigen Umgang mit Welpen, Vermenschlichung, Tierschutz und vieles mehr.

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Viviane Theby

Frau Theby, Welpenbücher gibt es ja bereits einige am Markt. Warum war es Ihnen dennoch wichtig, Welpenbesitzern Ihre Tipps an die Hand zu geben?

Theby: Es gibt sehr viel Leid. Auf der Hunde- und auf der Menschenseite. Die Hauptursachen dafür sind die Vermenschlichung und die falschen Vorstellungen, die Menschen Hunden gegenüber oftmals haben.

 

Können Sie Beispiele dafür nennen?

Theby: Oftmals sind es Kleinigkeiten. Viele Welpenbesitzer meinen, Welpen würden Wörter verstehen. Sie denken, nur weil sich der junge Hunde vor den stehenden Menschen setzt, würde er „Sitz“ verstehen. Dabei ist es für ihn so einfach nur bequemer und er kann seinen Halter besser anschauen. Das Kommando „Sitz“ hat er deshalb aber noch lange nicht verstanden.  Das gleiche gilt für „Komm“. Jeder Welpe läuft hinter demjenigen her, der sich bewegt.

 

Sie sind schon sehr lange in der Hundeszene unterwegs. Was hat sich in dieser Zeit in der Hundeerziehung besonders verändert?

Theby: Wenn früher ein Hund in den Schuh gebissen hat, hat man das nicht hingenommen. Man schiebt ihn sanft weg und wenn er trotzdem nicht aufhört, öffnet man das Mäulchen und befreit seinen Schuh. Aufgrund der zunehmenden Vermenschlichung ist das für viele Welpenbesitzer gar nicht mehr möglich. Sie lassen es entweder durchgehen oder sie werden emotional und schließlich rabiat.

 

Wie gehen Sie damit als Hundetrainerin um?

Theby: Wir leiten die Kunden nicht mehr von Anfang an an, sondern trainieren die Hunde selbst. Das bedeutet wir bringen ihnen die Grundlagen bei. Beherrscht der Hund das Verhalten, hat der Mensch zum einen gesehen, wie es von einem Profi trainiert wurde und wird dann angeleitet, dieses Verhalten zu erhalten. Das kann der Mensch dann Zuhause weiter fortführen. Er hat gesehen, wie die Herangehensweise aussieht und kann es direkt umsetzen. So lernen Mensch und Hund viel mehr.

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Themawechsel: Sie thematisieren in Ihrem Welpenbuch auch die Herkunft des Welpen. Warum ist es heute wichtiger denn je darauf zu achten, woher der junge Hund kommt?

Theby: Sehr viele Hunde kommen mittlerweile aus dem Tierschutz oder werden von Vermehrern aus Mitleid gekauft. Die Menschen glauben, sie würden diese Hunde retten. In Wahrheit jedoch, werden viele dieser Tiere genau dafür gezüchtet und das lässt diesen Markt weiter boomen. Es wird Zeit, dass die Leute das begreifen. Sie machen sich das Leben nur selber schwer. Ich habe schon so viel Menschenleid gesehen.

 

Wie reagieren Sie darauf, wenn ein Kunde offensichtlich leidet, weil er mit seinem vermeintlich geretteten Hund nicht zurecht kommt?

Theby: Ich sage dem betreffenden Menschen sehr oft, dass er den Hund zurück geben soll. Bei Vierbeinern, die aus schlechter Herkunft kommen, ist meist sehr viel Einsatz notwendig und diesen wollen die Halter oft nicht bringen und dann hat das auch keinen Zweck. Außerdem entzieht man nur so den Vermehrern ihre Existenzgrundlage.

 

Was raten Sie Menschen, die sich einen Welpen anschaffen möchten?

Theby: Sie sollten sich auf jeden Fall die Elterntiere anschauen. Am besten beide, wenn das möglich ist. Wenn man mit den Elterntieren nicht zusammen leben möchte, dann sollte man auch die Finger von den Welpen lassen. Man sollte sich die Eltern übrigens ansehen, bevor die Welpen da sind. Denn sonst regieren die Hormone und das Gehirn des Menschen wird ausgeschaltet.

 

Also besser zum Züchter?

Theby: Nicht unbedingt. Der Welpe sollte am besten aus einem Chaos-Haushalt kommen, es sollte nicht zu sauber und steril sein. Am besten ist es, wenn die Hunde mit Kindern und Katzen zusammen leben und am besten noch eine Baustelle vor der Tür ist, denn je mehr die Welpen schon kennengelernt haben, desto besser. Dazu müssen sie aber nicht zwangsläufig vom Züchter sein.

 

Im neuen Zuhause angekommen, beginnt das Training. Was sind die wichtigsten Dinge, die der Welpe für sein späteres Leben lernen sollte?

Theby: Ruhe zu halten!

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Die Aussage kam aber prompt!

Theby: Ja! Die meisten Welpenbesitzer meinen, sie müssten das Tier den ganzen Tag bespaßen. Das Gegenteil ist der Fall: Der junge Hund muss lernen, dass er das letzte Rad am Wagen ist! Dann bekommt man auch einen netten Vierbeiner. Wenn Welpen zu viel Aufmerksamkeit bekommen, ist das meist kontraproduktiv.

 

Was ist sonst noch entscheidend für die weitere Entwicklung des Welpen?

Theby: Er sollte jeden Tag drei – für ihn neue – Menschen und drei neue Hunde kennenlernen. Das soll nicht den ganzen Tag dauern, das schafft man auch in Minuten. Und den Rest des Tages kann der Welpe dann schlafen.

 

Wie wichtig ist der Kontakt zu anderen Welpen, zum Beispiel in einer Welpenspielgruppe?

Theby: Der Kontakt ist auf jeden Fall wichtig. Trotzdem kommt es auf die Spielgruppe an: Lieber gar keine Welpengruppe als eine schlechte. Wenn die Welpen eine Stunde lang sich selbst überlassen werden, frei nach dem Motto „Das machen die unter sich aus“ und mein junger Hund dabei ein paar Mal überrannt wird, dann ist das nicht Sinn der Sache, sondern führt zu ernsthaften Problemen. Außerdem ist es nicht verkehrt, wenn die Halter in der Welpengruppe mit dem Handling und einigen Kommandos vertraut gemacht werden.

 

Sie gehören zu den besten Clickertrainerinnen Europas. Für welche Zwecke sollte der Clicker im Umgang mit dem Welpen verwendet werden und wann ist der Einsatz kontraproduktiv?

Theby: Der Clicker wird für die Ausbildung des Menschen eingesetzt, wenn er Probleme mit dem richtigen Timing hat. Hunde brauchen ihn nicht. Die Idee dahinter ist das entscheidende, nämlich das richtige Timing und die positive Verstärkung.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, Hüte- und Jagdhunde sollten vor allem auch im Wald oder im Tierpark trainiert werden, damit sie auch bei Wild abrufbar bleiben. Wie schafft es der Welpenbesitzer, die Aufmerksamkeit seines Hundes  zu bekommen?

Theby: Dafür ist ein Training in kleinen Schritten erforderlich. Wenn der junge Hund seinem Menschen schon auf dem normalen Spaziergang keine Aufmerksamkeit schenkt, dann wäre es zu früh, um mit ihm in den Tierpark zu gehen. Mein Tipp: Nur wenn der Hund eine Frage mit „ja“ beantworten kann, dann kann ich den nächsten Trainingsschritt einleiten. Ein Erstklässler kann ja auch keine Frage beantworten, die an der Universität gestellt wird. Dafür muss er erst etliche Schuljahre durchlaufen.

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Welche Kapitel Ihres Welpenbuches liegen Ihnen besonders am Herzen?

Theby: Die Entwicklungsphasen zum Beispiel. Es wäre wichtig, dass sich Welpenbesitzer im Vorfeld informieren, denn die vorgeburtlichen Einflüsse spielen später eine große Rolle.

Außerdem sind mir die Besonderheiten des Trainings mit Arbeitshunden wichtig. Jagdhunde beispielsweise lernen meist als erstes, dass es Spaß macht, Wildscheinen hinter her zu jagen. Wenn sie dann später ins Training kommen, wird mit Reizstrom gearbeitet, um sie kontrollierbar zu machen. Richtig wäre hingegen zuerst die Kontrolle über die Situation zu erlangen. Dann könnte das Training viel tierschutzgerechter stattfinden.

 

Letztes Thema: Grenzen setzen. Auch davor haben viele Menschen Angst. Worauf kommt es beim Aufstellen von Regeln an?

Theby: Auf das „Wie“! Nackenschütteln oder körperliches Bedrohen ist nicht notwendig. Wenn der Hund beispielsweise nicht auf´s Sofa soll, dann setze ich ihn eben so lange darunter, bis er nicht mehr drauf springt. In dem Fall muss ich einfach nur sturer sein, als der Hund. Das kann man auch sehr nett machen, dafür muss der Halter nicht aus der Haut fahren. Zumal der Hund das Schimpfen sowieso nicht versteht. Die Menschen sollten weg kommen von so etwas wie Strafen und Dominanz. Man kann Hunde auch erziehen, ohne brutal oder laut zu werden.

 

Ihren Appell an die Hundehalter?

Man sollte den Hund Hund sein lassen und ihn als solchen in all seiner Besonderheit wertschätzen. Außerdem sollte man immer bereit sein dazu zu lernen, denn „Gewalt beginnt da, wo wissen endet“.

Theby: Vermenschlicht eure Hunde nicht, nehmt sie in ihrer Genialität als Hunde wahr!

 

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Titelbild: Anna Auerbach

Beitragsbilder: Kosmos Verlag

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